Vorbericht: Stück mit Leidenschaft und Revolte, Mitteldeutsche Zeitung, 22.04.2010

von Ute van der Sanden

Generalintendant André Bücker inszeniert „Die Stumme von Portici“. Zum nunmehr sechsten Mal kommt die Revolutionsoper von Daniel-François-Esprit Auber am Sonnabend in Dessau auf die Bühne.

Der Mann hat gründlich recherchiert. Auber, sagt André Bücker, sei Tradition in Dessau und daselbst der meistgespielte Opernkomponist: nach Wagner, Mozart, Verdi, Puccini und Lortzing, versteht sich. „Die Stumme von Portici“ komme nun bereits zum vierten Mal am Haus heraus. An die jüngste Einstudierung von 1958/59 könnten sich „einige Theaterfreunde noch gut erinnern“, weiß der Generalintendant.
„La Muette de Portici“ besitzt alle Eigenschaften eines ebenso sonderbaren wie schlagkräftigen Revolutionsstücks. Schon die Besetzung: Stumm auf der Opernbühne, wo gibt´s denn so was! Daniel-François-Esprit Auber sah für die Titelfigur der Fenella eine Tänzerin vor – in Dessau getanzt von Gabriella Gilardi. Die tragende Tenorpartie ist Masaniello zugedacht, dem Anführer der gegen die spanischen Besatzer revoltierenden Neapolitaner. Mit ihm gibt Diego Torre, einer der vielversprechendsten dramatischen Tenöre, sein Europadebüt. Soeben gastierte der 30-jährige Mexikaner in New York.
Aubers Musik ist dem italienischen Belcanto abgelauscht – es wird, sobald sich der Vorhang hebt, folglich weder an großen Gesangspartien noch an imposanten Stimmen mangeln. Neben Angelina Ruzzafante, Eric Laporte, Wiard Witholt, Angus Wood und Ulf Paulsen in den Solorollen sind Statisterie, Extrachor Coruso und Kinderballett besetzt. Die Handlung datiert im 17. Jahrhundert, es geht um Tyrannei, Solidarität und hoffnungslose Liebe. In der Dessauer Strichfassung, die vor allem auf Da-capo-Teile verzichtet, dauert es etwa zweieinhalb Stunden, bis am Ende der Vesuv ausbricht und Fenella in die glühende Lava stürzt.
Nicht weniger spektakulär ist die Aufführungsgeschichte der Oper: Nach einer Vorstellung in Brüssel 1830 geriet das belgische Volk derartig in Wallung, dass es sich von der Herrschaft der Niederländer befreite. Warum also wird der Fünfakter, mit dem die Epoche der französischen Grand opéra begann und der einst ein Bühnenschlager war, heute derartig ignoriert? Das „unglaublich schlechte“ Aufführungsmaterial führt der Regisseur als erste Ursache an. Als weitere die Scheu vor Stücken jenseits des gängigen Repertoires.
Umso entschlossener wählte der Generalintendant ausgerechnet dieses Werk für seine erste Musiktheaterinszenierung am Anhaltischen Theater. „Sein Plot ist toll“, schwärmt Bücker, „die Musik ist toll, es passte gut in den Spielplan.“ Und zum Spielzeitmotto. „Utopie und Wahnsinn“ ist eben auch das Scheitern der Revolution an ihrer eigenen Blutrünstigkeit. Mafia und Müllskandal, Korruption und Gewalt, Menschen wie Fenella und ihr Bruder Masaniello, die ob der Aussichtslosigkeit ihres Kampfes dem Wahnsinn verfallen, gebe es schließlich auch im Europa des 21. Jahrhunderts. Der Vorverkauf stimmt optimistisch: Die Premierengäste kommen, logisch, aus Brüssel, Großbritannien und ganz Deutschland.
Ausstatter Jan Steigert hat für die große Dessauer Bühne ein imposantes Schiff bauen lassen. Auf dem Mitschnitt, der in zwei Vorstellungen entstehen und als DVD erscheinen soll, werden zudem bunte Container im Baukastenprinzip zu sehen sein: Portici ist mithin ein Küstenort, die Oper spielt im Hafen. „Wir setzen ein, was wir haben“, verspricht Bücker: Seiten-, Vorder- und Hinterbühne, Portal, Drehscheibe, Schnürböden. Die neue Übertitelungsanlage.
Himmel und Meer, Vulkan und Horizont werden in aufwändigen Videoprojektionen eingespielt.
Endprobenwoche. An diesem Nachmittag werden Ensembleszenen musikalisch probiert. Der Regisseur ist nicht dabei, lobt im Gespräch gleichwohl die erfreuliche erste Zusammenarbeit mit dem „sehr konzentrierten, spielfreudigen“ Opernchor. Für den ist die Produktion eine Herausforderung: Viele Auftritte, viel Fortissimo, viele Takt- und Tempowechsel. Noch dazu in der französischen Originalsprache, zum ersten Mal. Chordirektor Helmut Sonne gibt aus der ersten Zuschauerreihe Achtungszeichen und Einsätze. Im Saal prüft Kapellmeister Wolfgang Kluge die Akustik, bespricht sich mit Generalmusikdirektor Antony Hermus.
An seiner musikalischen Leitung macht Bücker – er inszenierte schon den „Freischütz“, den „Wildschütz“ und „Rusalka“, drei Händelopern und, sogar, das „Weiße Rössl“ – den für ihn maßgeblichen Unterschied zum Sprechtheater fest. Der Musik sei die Emotion eingeschrieben, Schauspiel „erst einmal nur Papier“. Und schließlich habe die „Stumme von Portici“ doch alles, was eine gute Oper ausmache: Kurzweil und Ohrwürmer. Anrührende Momente, große „Up-tempo-Nummern“, eine Liebesgeschichte – Leidenschaft und Revolte also. Nur ein Happy End hat sie nicht.

Dann ist das Theater zu!

aus: Neues Deutschland, 10.4.2010
André Bücker, Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau-Roßlau, über Zivilisation, sterbende Landstriche und das Flicken von Schlaglöchern

André Bücker wurde 1969 in Harderberg (Niedersachsen) geboren. Er studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Geschichte und Philosophie in Bochum. Nach mehreren Regieassistenzen und eigenen Inszenierungen war er von 1998 bis 2000 Hausregisseur, leitender Dramaturg und Stellvertreter des Intendanten an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven, später freier Regisseur. 2005 wurde er Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters Halberstadt/Quedlinburg, 2009 Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau.

ND: Herr Bücker, Stadttheater ist ...?
Brücker: ... Mittelpunkt des städtischen Lebens. Hier in Dessau-Roßlau sogar schon in sehr langer Tradition: Unsere Philharmonie ist 243 alt, das Theater selbst befindet sich in der 215. Spielzeit. Also: Wir reden nicht über irgendetwas!

Wir reden aus einem ernsten Grund: Noch wird das Anhaltische Theater jährlich mit 15 Millionen Euro gefördert, von Stadt und Land etwa zu gleichen Teilen. Die Stadt muss sparen und will die Förderung ab 2013 halbieren. Was würde das bedeuten?
Es würde bedeuten, dass auch das Land Sachsen-Anhalt seine Förderung halbiert. Dies wiederum würde bedeuten, dass wir pro Jahr sieben bis acht Millionen Euro weniger zur Verfügung hätten. Ein Ensemble- und ein Vier-Sparten-Theater, wir wir es heute haben, wäre dann nicht mehr möglich. Wir könnten keine Haustarife mehr zahlen, müssten zig Leute entlassen. Die Eigeneinnahmen, die wir heute noch erwirtschaften – immerhin begrüßen wir pro Jahr 200 000 Besucher –, würden dramatisch sinken. Da muss man dann nicht mehr darüber nachdenken, ob man eventuell eine Sparte schließt. Dann ist das Theater zu!

In diesem Jahr wurde der Welttheatertag am 27. März in Deutschland auch als Protesttag begangen: In Wuppertal, wo das Stadttheater ebenfalls existenziell bedroht ist, erhoben etwa 60 Theater die Stimmen. Dessau-Roßlau war dabei.
Wir waren mit einem Auszug aus dem Stücke »Milarepa« von Érik-Emmanuel Schmitt, inszeniert von Andrea Moses, vertreten. Mit einem Monolog über das Ertragen und einem Wut-Monolog: Ein Mann muss Geschichten wieder und wieder erzählen. Somit tut er letztlich das, was die originäre Aufgabe von Theater ist: Geschichten immer wieder erzählen, sie an die nächste Generation weitergeben, sie im kollektiven Gedächtnis behalten, sie pflegen und weiterdenken. Wir fanden: Das passt in Wuppertal.

Wie war Ihr Gefühl?
Ich selbst war nicht dabei. Aber Andrea Moses erzählte, es sei eine tolle Atmosphäre gewesen. Ich kenne solche Veranstaltungen. Das Gefühl schwankt zwischen Euphorie und Melancholie. Natürlich hofft man, noch etwas abwenden zu können. Zugleich fürchtet man, dass die Entscheidung nicht in der eigenen Hand liegt. Man darf aber festhalten: Noch nie hat es in Deutschland eine solche Veranstaltung mit so vielen Beteiligten, mit so vielen Theatern gegeben.

Nie zuvor waren Stadttheater so bedroht, Kommunen so in die Enge getrieben?
Jetzt ist die Krise massiv da. Die Kommunen sind am Ende, sie bluten aus. Das Problem besteht darin, dass der Bund alles dafür tut, diese Entwicklung voranzutreiben – ich sage nur »Wachstumsbeschleunigungsgesetz«. Dabei sind es die Kommunen, die in der Fläche die wahren Träger des kulturellen Lebens sind, und bisher schultern sie die Hauptlast. Aber sie werden sozusagen stranguliert und können ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen. Kommunale Selbstverwaltung ist nur noch ein Popanz. Was es brauchte, ist ein Solidarpakt, um Kulturhilfefonds einzurichten oder ein Entschuldungsprogramm für die Kommunen aufzulegen.

Woher soll das Geld kommen?
Ja, wo kommt es denn bei den Banken her? Allein die 3,6 Milliarden, die der Freistaat Bayern in seine Landesbank gepumpt hat, würden alle Theater Deutschlands für zwei Jahre finanzieren. Geld scheint doch da zu sein. Die Frage ist, wofür man es ausgibt. Abwrackprämie, Geschenke für Hotels und die 15 Milliarden, die benötigt werden, um die Schlaglöcher zu befüllen, welche der Winter gerissen hat, die werden wir auch noch irgendwo auftreiben. Da bin ich ganz sicher. Aber interessanterweise wird dann versucht, kommunale Haushalte zu sanieren, indem man den Menschen vor Ort die Kultur kaputtschlägt. Mit Zivilisation hat das nichts zu tun.

Lassen Sie uns auf die spezielle Situation in Dessau-Roßlau zurückkommen: Eingangs sprachen Sie vom Theater als kulturellem Mittelpunkt städtischen Lebens. Wie sieht das bei Ihnen konkret aus?
Unser Theater ist Ort der Diskussion, der ästhetischen Auseinandersetzung, ein politischer Ort, Ort der Selbstvergewisserung einer Stadt, also ein Ort, wo sich städtische Identität manifestiert. Es ist ein Bildungsort mit weitverzweigten Aktivitäten und Programmen – ob für Kinder, Jugendliche oder Senioren.

Bleiben wir bei der Bildung.
Zunächst erreichen wir Tausende von Schülern über unsere Aufführungen, auch via Schülertickets. Auf dem Spielplan stehen zum Beispiel »Der Kick« von Andres Veiel und Gesine Schmidt, jenes Dokumentarstück nach dem Fall in Potzlow, wo drei Jugendliche bestialisch ihren Kumpel umbrachten, und die Monooper »Das Tagebuch der Anne Frank«. Für die kleineren Kinder haben wir eine Kinderoper im Programm und für die ganz Kleinen Veranstaltungen mit dem Puppentheater oder Konzerte – musikalische Schnitzeljagden, Kuscheltier-Konzerte.
Wir erreichen Kinder und Jugendliche aber auch über die musikalische Früherziehung. Unsere Orchestermusiker gehen in Schulklassen, vermitteln ihnen den ersten Kontakt mit Instrumenten, sind als Lehrer in den Musikschulen tätig. Wenn es das Theater nicht mehr gäbe, blieben auch die Orchestermusiker nicht hier, die Musikschulen hätten keine Lehrer mehr.

Bisher wendet die Stadt noch 12,5 Prozent ihres Haushalts für Kultur auf – im Bundesvergleich ist das überdurchschnittlich viel.
Das liegt daran, dass es hier überdurchschnittlich viel Kultur gibt, die gepflegt, erhalten und vielleicht auch entwickelt werden will. Das kostet natürlich viel Geld. Aber dieser kulturelle Reichtum ist doch kein Problem, sondern eigentlich etwas Fantastisches. Und ich bin überzeugt, die einzige Möglichkeit dieser Kommune, sich für die Zukunft aufzustellen, besteht darin, auf ihre Ressourcen zu setzen. Und das ist nun mal die Kultur: Dessau-Roßlau hat nicht nur ein altes Stadttheater, UNESCO-Welterbestätten wie das Bauhaus und das Dessau-Wörlitzer-Gartenreich, es hat nicht nur das Kurt-Weill-Fest, sondern Bibliotheken, Sportvereine – das alles gehört dazu.

Nun sieht der städtische Sparplan vor, ab 2013 nicht nur die Theatermittel zu kürzen, sondern insgesamt 13,5 Millionen aus dem Haushalt zu streichen – die Folgen würden vom Stellenabbau in der Verwaltung bis zur Schließung von Kultureinrichtungen und Sportstätten reichen. Sie sehen Schwarz für die Region?
Es steht mehr auf dem Spiel als ein traditionsreiches Theater, viel mehr. Es geht um eine Infrastruktur, die es Menschen möglich macht, hier zu leben und leben zu wollen. Wenn man diese Politik fortsetzt, alles Mögliche zu subventionieren, nur nicht die Kultur im weitesten Sinne, dann gibt man ganze Landstriche auf.

Dessau zählt heute noch 88 000 Einwohner, seit 1989 sind mehr als ein Viertel seiner Bürger abgewandert. Das reiche kulturelle Angebot hat sie nicht halten können – sie brauchten Arbeit.
Richtig, Menschen gehen weg, wenn sie keine Arbeit und keine Lebensperspektive haben. Aber es werden noch mehr weggehen, wenn die Kultur dicht macht. Und dann wird sich hier auch keiner mehr ansiedeln, auch keine Industrie. Aber gut, das wäre zumindest eine Entscheidung. Man könnte sagen: Wir sehen jetzt schon keine Zukunft mehr, wir flicken keine Schlaglöcher mehr, machen das Theater zu und nehmen in Kauf, dass Dessau-Roßlau und die Region Anhalt in den nächsten 30 Jahren noch mal 25 000 Einwohner verlieren. Wir geben den Landstrich auf. Und die, die noch hier wohnen, können hier sterben oder weggehen. Das könnte man ja sagen. Was aber nicht mehr geht, auch das wird jetzt deutlich, ist dieses Durchgewurschtel. Man kann nicht mehr sagen: Wir schaffen das schon irgendwie.
Gestern war ich auf dem Junkers-Gelände. Ein fantastisches bauhistorisches Erbe! Dazu kommt die Technikgeschichte – Anfang 20. Jahrhundert, technischer Aufbruch, Innovation, Wissenschaft, Forschung, Moderne. Das Gelände ist verrottet. Jetzt, da es wahrscheinlich kaum noch zu retten ist, will man es abreißen – mit der Begründung, dort eventuell Firmen anzusiedeln. Das ist zutiefst lächerlich. Es gibt genug freiliegende Industrie- oder Gewerbeflächen in Dessau. Aber nach der Wende hätte man Betriebe, die man rund um Dessau auf der grünen Wiese untergebracht hat, forschungs- und wissenschaftsstandortmäßig auf dem Junkers-Gelände konzentrieren, einen Traditionsstandort entwickeln können. Das ist nicht passiert. Und plötzlich ist eine Stadt wie Magdeburg, die in dieser Hinsicht überhaupt keine Tradition hat, Stadt der Wissenschaft.

Vielleicht hatten die Stadtväter nach der Wende andere Sorgen?
Zwanzig Jahre danach sollte man klüger geworden sein. Sehen Sie, wir haben zwar das Bauhaus, die Hochschule Anhalt und das Umweltbundesamt in der Stadt, große Einrichtungen mit vielen Mitarbeitern, aber die wenigsten davon wohnen auch hier: Berlin ist nicht weit weg. Und Dessau ist eben auf den ersten Blick nicht die attraktivste Stadt.

Sie selbst wohnen in Dessau-Roßlau?
Ja. Ich lebe und arbeite gern hier. Auch deshalb, weil ich hier Partner habe. Philipp Oswalt hat ja als Direktor des Bauhauses angefangen und Michael Kaufmann als Intendant des Kurt-Weill-Festes. Wir sind ein gutes Gespann. Gemeinsam versuchen wir, den Zusammenhang von Kultur und Lebensqualität stärker ins Bewusstsein der Stadt zu rücken. Und seit die Bürgerinitiative »Land braucht Stadt« entstand, wird die Thematik auch aktiver und kontroverser diskutiert.

Interview: Christina Matte

„AUS DEM GEIST DES WERKES ARBEITEN“

aus: Schweinfurter Tagblatt, Kulturbeilage 2/10

André Bücker ist seit der Spielzeit 2009/2010 Nachfolger von Johannes Felsenstein als Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau, das seit fünf Jahren regelmäßig in Schweinfurt gastiert. Der Regisseur der Händel-Oper „Serse“, die in Januar viermal hier zu sehen war, im Gespräch über die Lage der städtischen Theater in Zeiten der Krise, die Neuausrichtung in Dessau und das Glück, Opern zu inszenieren.

Das Gespräch führte Mathias Wiedemann.

Frage: 2010 ist angekündigt als großes Jahr der Schmerzen für Theater und Museen. Längst kursieren Listen von Schließung bedrohter Häuser – was bemerken Sie davon in Dessau?
André Bücker: Der Druck ist natürlich immer da. Aber den kenne ich schon seit Jahren. Ich habe 1998 in Wilhelmshaven als stellvertretender Intendant angefangen, das war eine Landesbühne, und da gab es auch schon finanziellen Druck. In Halberstadt, wo ich dreieinhalb Jahre Intendant war, habe ich ständig damit zu tun gehabt. Und in Dessau ist es auch so.

Wie äußert sich das im Alltag?
Bücker: Wir arbeiten unter Haustarifvertrag-Bedingungen, das heißt, die Leute müssen in weniger Arbeitszeit für weniger Geld genauso viel, oder möglichst noch mehr, leisten wie vorher. Die finanzielle Situation ist insgesamt dramatisch. Aber es gehört natürlich zum Theatermachen dazu, gerade wenn man ein Stadttheater leitet, sich mit der Finanzierungslage auseinanderzusetzen.

Welche Möglichkeiten hat ein Intendant denn, außer für möglichst volle Häuser zu sorgen? Spielen denn Sponsoren eine Rolle?
Bücker: Ach, das hält sich in Grenzen. Dessau ist nun keine Region mit großer Industrie, das sind eher mittelständische Unternehmen. Dass man Partner findet, die in größerem Umfang Beiträge leisten, ist sowieso eher selten. Ich bin auch überzeugter Verfechter des deutschen Stadttheater-Systems, das von der öffentlichen Hand finanziert wird. Nicht, weil es bequem ist, sondern, weil es Möglichkeiten eröffnet. Und natürlich auch, weil man dadurch günstige Eintrittskarten für Alle anbieten kann. Es wird ja bei den Diskussionen gerne vergessen, dass das ja ein Hauptanliegen dieses Systems ist.

Was bedeutet das aber für den Intendanten?
Bücker: Ich glaube, man muss das Ganze künstlerisch lösen. Man muss sich mit dem legitimieren, was man tut. Man muss die Leute ins Theater bringen und begeistern. Man muss das Theater kommunizieren in eine Stadt, man muss sich aber auch als Teil dieses Ortes begreifen. Wir dürfen uns Experimente leisten, wir müssen aber die Leute erreichen. Und wenn man das überzeugend tut, muss einem um die Zukunft nicht unbedingt bange sein.

A propos Kommunikation: Zu Ihrem Amtsantritt 2009 steht auf der Internet-Seite des Theaters eher lakonisch, Sie hätten das Haus künstlerisch neu ausgerichtet, vor allem mit personellen Neubesetzungen. Es wäre jetzt nicht so spannend, die obligatorische Frage nach Ihrem Vorgänger Johannes Felsenstein zu stellen. Aber was bedeutet „Neuausrichtung“ denn konkret?
Bücker: Das ist ein personeller Neuanfang, wie er bei einem Intendanten-Wechsel durchaus üblich ist. Besonders, wenn ein Vorgänger sehr, sehr lang im Amt war – Felsenstein war 18 Jahre da. Da haben sich dann einfach Strukturen gebildet, die nicht mehr zeitgemäß sind. Aber dass mit dem neuen Chef auch neues Personal kommt, das gibt es ja auch in der Politik oder der Wirtschaft. Und mit dem neuen Personal kommen dann eben auch andere Schwerpunkte. Stichwort Kommunikation: Wir gehen anders auf die Leute vor Ort zu, wir machen viele Projekte um das eigentliche Bühnengeschehen herum, um die Dessauer auf allen Ebenen anzusprechen. Das gab es vorher so nicht.

In Dessau wurde immer alles auf Deutsch gesungen. Wird sich das ändern?
Bücker: Das ändert sich! Wir werden etwa italienische Oper in Originalsprache machen. Das erklärt sich eigentlich von selbst, das ist musikalisch notwendig, das hat eine ganz andere Kraft.

Dessau hatte seit einigen Jahren ein Kooperationsmodell mit der Ballett-Compagnie von Gregor Seyffert – die war auch in Schweinfurt zu sehen. Gibt es diese Kooperation noch?
Bücker: Nein, diese Kooperation besteht nicht mehr. Das hängt auch mit dem Intendanten-Wechsel zusammen. Es gibt jetzt einen neuen Chef-Choreografen, Tomasz Kajdanski, der zuletzt in Eisenach große Erfolge gefeiert hat. Er macht unglaublich sinnliches und hochenergetisches Ballett mit klassischer Formensprache aber auch modernen Ansätzen. Und er ist ein großer Geschichtenerzähler. Seine erste Premiere mit „Lulu“ war ein fulminanter Erfolg. Dessau ist ein Theater mit großer Tanz-Tradition, und an die knüpft der neue Ballett-Direktor an.

Seit einigen Jahren gastiert Dessau immer wieder in Schweinfurt – bedeutet Ihr Besuch hier, dass diese Kooperation fortgesetzt wird?
Bücker: Wir wollen, dass diese erfolgreiche Kooperation, die jetzt ins fünfte Jahr geht, weitergeht. Das wäre schön.

Welche Bedeutung haben Abstecher für Sie – müssen oder wollen Sie die machen?
Bücker: Wir sind ja eigentlich kein Abstecher-Theater, sondern ein klassisches Stadttheater. Das heißt natürlich, dass wir einen Großteil unserer Vorstellungen zu Hause spielen. Aber es ist natürlich immer schön für Künstler, wenn sie mal rauskommen, und auch mal erleben, wie das Publikum woanders reagiert. Und dann ist das natürlich auch finanziell interessant.

Bringen denn solche Ausflüge finanziell etwas?
Bücker: Na ja, es muss sich insofern lohnen, als man nicht draufzahlt, das ist klar. Das große Geld verdient man damit nicht, aber es ist für beide Seiten gut. Es bleibt was fürs Theater über, und es ist schön für die Künstler. Wir machen allerdings nur wenige, ausgesuchte Gastspiele, weil es allein von der Dimension der Dessauer Bühne her schwierig ist, woanders aufzubauen.

Die Bühne in Dessau ist riesig.
Bücker: Ja, Dessau ist ein riesiges Theater, da schließen sich viele Projekte außerhalb von vorneherein aus. Aber für Bühnen, mit denen wir eine längere Zusammenarbeit haben, finden wir immer eine Lösung und passen schon mal ein Bühnenbild an.

Welche Rolle spielen die neuen Medien? Im Internet-Forum des Theaters wird ja ziemlich rege diskutiert.
Bücker: Das schaue ich mir natürlich an. Ich will ja wissen, was die Leute denken. Es ist überhaupt das Schönste, wenn die Menschen teilnehmen an dem, was in ihrem Theater passiert. Das Dessauer Theater ist in seiner 215. Spielzeit, die Menschen hier sind mit ihrem  Theater verbunden, und das spürt man natürlich auch. Das ist wunderbar. Aber natürlich gibt es kontroverse Meinungen. Das Ding, das alle toll finden, ist noch nicht erfunden. Das schlechteste Theater ist das, das allen egal ist.

Sie stammen aus Niedersachsen – wie sind Sie in Dessau aufgenommen worden? Gibt es noch eine Ost-West-Problematik?
Bücker: Das habe ich nicht so empfunden. Viele wissen auch gar nicht mehr, dass ich aus dem Westen komme. Ich bin schon sehr lange im Osten unterwegs. Ich habe fürs Kunstfest Weimar gearbeitet in den 90ern. Ich war seit 1999 ständig als Regisseur in Theatern im Osten. Ich war dreieinhalb Jahre im selben Bundesland schon Intendant. Ich kenne die Mentalität der Leute und bin sehr gerne hier. Mich interessiert diese Kulturlandschaft, und ich glaube, es ist wichtig, dass die Leute das spüren.

Wir haben gerade ausgiebig 20 Jahre Mauerfall gefeiert. Ist die deutsche Teilung noch ein Thema? Begreifen sich die Leute noch als Ossis oder eben Wessis?
Bücker: Es ist schon noch ein Thema, weil man den Unterschied eben immer noch deutlich merkt. Die Brüche in den Biografien der Menschen und in den Geschichten der Städte manifestieren sich sehr deutlich. Die Sozialisation in der DDR war einfach eine deutlich andere, und das spürt man nach wie vor.

Ist das noch ein Thema fürs Theater?
Bücker: Wir haben das mit einem großen Projekt in der Stadt thematisiert, wo wir die Bürger befragt haben – wie war das, was waren die Vorgänge in Dessau zu Wendezeiten? Und wir haben vor allem gefragt, wie ist es heute? Was wissen die Nachgeborenen von der DDR? Und damit verbunden die Frage, wofür würden heute 18-Jährige auf die Straße gehen? Was bedeutet Freiheit, die Möglichkeit, seine Meinung sagen zu dürfen?

In Schweinfurt war Ihre „Xerxes“-Inszenierung zu sehen. Welche Rolle spielt für Sie als Regisseur die Musik?
Bücker: Eine gewaltige natürlich. Ich bin ein großer Händel-Fan. Ich habe drei Opern von ihm inszeniert. Diese barocke Form ist ja sehr speziell. Die ganzen Wiederholungen – da muss einem ja auch was dazu einfallen. Das sind ja nicht durchgängige psychologische Vorgänge. Sondern die Rezitative bringen die Handlung voran, und die Arien erklären die Affekte, also die Emotionen. Aber genau diese Form reizt mich sehr.

Wie knacken Sie diese Statik?
Bücker: Ich erfinde Vorgänge.

Sie erfinden Vorgänge?
Bücker: Ja. Die Geschichte ist ja vorhanden, und man muss die Vorgänge, die in den Rezitativen stattfinden, mit Leben füllen und dann für die Arien auch noch eine Form finden. Ich mache dann eine durchgängig erzählte Geschichte daraus.

Also die Zeit bleibt nicht einfach während der Arien stehen?
Bücker: Genau das eben nicht. Vielleicht könnte man „psychologisieren“ dazu sagen. Mich interessiert einfach, was die Figuren antreibt. Ich will sie in ihren Nöten begreifen – die leiden ja alle.

Sonst wäre es ja auch keine Oper.
Bücker: Eben. Man kann sich natürlich hinstellen und in der Arie diesen einen Satz in 40 wunderschönen Variationen singen. Und ich will dem Sänger einen Grund geben, warum der das eben 40 mal singt. Er singt das ja nicht nur, weil es schön ist.

Ihr „Xerxes“ ist eine komplett durchgestylte Inszenierung. Wie sehr nimmt der Regisseur Einfluss auf den Look einer Aufführung?
Bücker: Sehr stark natürlich. Man sucht sich als Regisseur einen Bühnenbildner zu dem Gedanken, den man für das Stück hat. Man arbeitet dann gemeinsam daran, und wie es dann letztlich aussieht, ist Ergebnis einer Entwicklung. Die Ästhetik spielt eine große Rolle. Und in einer Barockoper ist natürlich der Style sehr wichtig, auch wenn die Kostüme modern sind.

Machen Sie lieber Musik- oder lieber Sprechtheater?
Bücker: Ich mag beides wahnsinnig gern. Ich bin ja erst später zum Musiktheater gekommen. Das ist eine völlig andere Arbeitsweise als beim Sprechtheater. Im Musiktheater ist sehr viel vorgegeben. Der größte Unterschied ist: Im Sprechtheater muss man sich die Zeit erfinden. In der Musik ist sie da. In der Musik liegen auch schon die Stimmungen.

Da kann man nicht einfach gegen an inszenieren.
Bücker: Das geht in den meisten Fällen extrem schief. Im Schauspiel muss man das alles erfinden. Da kann man Figuren auch mal gegen die Strich bürsten oder anders besetzen, als sie im Textbuch stehen. Man ist wesentlich freier. Aber es ist auch anstrengender als Oper, wo man dieses wunderbare Gerüst der Musik hat. Aber ich glaube, ich bin jemand, der sehr aus dem Geist des Werkes arbeitet und sich sowieso auf die Musik einlässt. Das gilt aber auch für das Schauspiel: Ich arbeite sehr aus den Texten heraus.

Bundestagspräsident zu Gast in Dessau

Der Präsident des Deutschen Bundestages Norbert Lammert besuchte am 04.12.2009 die Premiere von Leonard Bernsteins CANDIDE im Anhaltischen Theater.

Zwischen Diskurs und Diskussion

Der Intendant des Anhaltisches Theaters blickt im Gespräch auf die ersten 100 Tage im Amt zurück

Seit 100 Tagen ist der neue Intendant des Anhaltischen Theaters André Bücker im Amt. Über den Start, Veränderungen am Theater, Reaktionen des Publikums und Zukunftspläne sprach Thomas Steinberg mit ihm.

Unter den Besucherkommentaren auf der Website des Anhaltischen Theaters findet sich die Klage, wohl mehr am hemdsärmeligen Publikum interessiert zu sein denn am treuen. Herr Bücker, wollen Sie die Abendroben aus dem Theater verbannen?

Bücker: (lacht) Nein, überhaupt nicht, ich hab auch nicht den Eindruck, dass die Abendrobe verdrängt ist. Wir haben zum Beispiel die Operngala - übrigens zwei Mal gespielt, zwei Mal ausverkauft - wo es durchaus festlicher zugeht, aber auch junge Leute kommen, und die sind, glaube ich, ein bisschen gemeint mit dem Begriff hemdsärmelig. Wir wollen das Festliche weder verbannen noch das Hemdsärmlige vorschreiben: Aber die Leute gehen heute ja auch anders in Theater, sie kommen, wegen dem was es zu sehen gibt.

Ohne die alten Geschichten aufzurollen - dennoch: der Start war für die Neuen alles andere als unkompliziert. Es gab sehr viel Skepsis, nicht zuletzt im Haus. Wie schätzen Sie heute das Klima im Theater ein?

Bücker: Als ausgezeichnet. Wir haben das Premierenwochenende auf die Agenda gehoben, um zu zeigen, hallo, hier sind wir, hier passiert was Neues. Das hatte Wirkung nach außen und innen. Es hat das Haus an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht, aber es haben alle Mitarbeiter an einem Strang gezogen. Wir haben gemeinsam gearbeitet und konnten uns gemeinsam freuen. Ich bin sehr stolz darauf, was dieses Haus geleistet hat, und glaube, das sehen fast alle Mitarbeiter genauso.

Skeptisch zeigten sich auch Teile des Stammpublikums. Bei der Premiere des "Lohengrin" konnte man den Eindruck gewinnen, die Buhrufe galten nicht nur der Regisseurin Andrea Moses, sondern insgesamt den Veränderungen am Theater. War der Lohengrin gedacht als ein bewusster Bruch mit der Ära Felsenstein?

Bücker: Das würde ich überhaupt nicht so sehen. Es gab keinerlei Kommentarebene in der Inszenierung zu dem, was vorher hier auf der Bühne stattgefunden hat. Ich finde, der Lohengrin ist eine handwerklich sehr gut gemachte, kluge Inszenierung, hervorragend musiziert mit tollen Sängern - dieser Lohengrin steht für sich. Diejenigen, die den Lohengrin kritisieren, haben anscheinend die Bravo-Rufe nicht gehört. Die Oper verkauft sich hervorragend, die Leute kommen auch aus Berlin, Leipzig, Halle, teilweise aus Süddeutschland, aus Österreich. Diese Aufführung hat eine große Kraft entwickelt und eine enorme Aufmerksamkeit erregt in der Theaterlandschaft, was natürlich positiv auf die Stadt zurückfällt.

In den Kritiken der regionalen Medien wird derzeit immer wieder Bezug genommen auf die jüngere Vergangenheit, meist, um mit ihr abzurechnen. Wie gehen Sie damit um?

Bücker: Ich mache nicht ein bestimmtes Theater, weil es vorher ein anderes gegeben hat. Die Vergangenheit interessiert mich als die Geschichte eines Ortes, dessen kulturelle Linien und Wurzeln, nicht als eine bestimmte Theaterästhetik, die man aufarbeiten müsste oder gegen die man anarbeiten müsste. Es gibt gewisse Traditionslinien in Dessau: Wagner, Weill, überhaupt das große Musiktheater - das wollen die Leute hier sehen. Das zu zeigen, ist auch unserer Anspruch.

Was auffällt: Mit den "Gesängen aus 1001 deutschen Nacht" ist das Theater in die Stadt gegangen, beim ersten Sinfoniekonzert hat Antony Hermus für Dvoráks "Te Deum" alle größeren Laien-Chöre der Stadt eingeladen. Waren das einmalige Aktionen oder ist dies Programm, einerseits das Gehäuse Theater zu verlassen, andererseits Leute als Mitwirkende ins Theater zu holen, die auch nur im entferntesten etwas damit zu tun haben könnten?

Bücker: Ja, das ist durchaus programmatisch. Wir werden in der Spielzeit noch ein Schauspielprojekt haben, bei dem Laien und Profis zusammen auf der Bühne stehen, wir hatten das 89jetzt!-Projekt, wo wir mit Menschen in der Stadt Kontakt gesucht hatten, wir werden ein Scratch-Konzert haben, wo Sangeswillige und -wütige gemeinsam mit unserem Generalmusikdirektor Antony Hermus die Carmina Burana einstudieren…

…innerhalb von 24 Stunden…

Bücker: …genau, innerhalb von 24 Stunden. Diese Beteiligungsprojekte - ob nun Simon Rattle mit "Rhythm is it" oder Rimini-Protokoll mit den Experten des Alltags - haben ja immer mehr Einzug gehalten, gerade bei Stadttheatern. Sie sollen aber in keiner Weise die festliche Opernaufführung ersetzen, aber es ist eine Bereicherung im Diskurs über das, was Theater sein soll. Theater hat einen Bildungsauftrag und kann eine gesellschaftliche Funktion wahrnehmen, ein Ort des Diskurses und der Diskussion sein über zeitgenössische Themen, über Ästhetik.

Und dazu müssen wir die Menschen erreichen und faszinieren, was nicht nur über Zuschauen, sondern ebenso über Mitmachen funktioniert, wie sich in den theaterpädagogischen Programmen zeigt. Da passiert unheimlich viel: so wie es wertvoll ist, wenn Kinder ein Instrument erlernen, ist es wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung, wenn man Theater spielt, sich in andere Figuren, in andere Menschen hineinversetzt.

Wie versucht das Schauspiel das Verhältnis zwischen dem Großen Haus und dem Alten Theater auszusteuern? Welche Funktionen haben beide Bühnen?

Bücker: Die große Bühne ist eine große handwerkliche Herausforderung, sowohl für die Schauspieler als auch für den Regisseur. Schauspiel muss natürlich seinen Platz auf der großen Bühne haben, und ich wünsche mir, dass wir fürs Schauspiel noch mehr Leute begeistern können. Gerade hier ist es wichtig, die großen Klassiker zu zeigen, auch das Märchen mit seiner großen Tradition in Dessau.

Das Alte Theater wiederum ist eher eine Experimentierstätte für Formate, die man auf der großen Bühne gar nicht machen kann, für Gegenwartsstücke, zeitbezogenes Theater, für Uraufführungen wie Einar Schleefs "Abschlussfeier". Ich möchte das Alte Theater noch stärker zu einem Ort entwickeln, wo man einfach so hingeht, abends vorbeischaut und guckt: ist was los? Oder man einfach ein Bier trinkt.

Im Alten Theater laufen mit der Mono-Oper "Anne Frank" und "Der Kick" Stücke, bei denen der Unterhaltungscharakter ganz klar im Hintergrund steht. Wie geht das Publikum damit um?

Bücker: Das ist interessant: Gerade "Der Kick" läuft gut, vor allem durch Schulen, aber auch im Abendprogramm. Ich denke, es gibt neben dem Bedürfnis nach Unterhaltung auch ein großes Bedürfnis nach der Beschäftigung mit den ernsten, wichtigen Themen auf dem Theater.

Das Puppentheater hatte zu Beginn der Saison noch etwas Schonung, ist jetzt mit der Weihnachtszeit verstärkt gefragt. Wie steht es um dessen Zukunft, da ja die Kooperation mit Magdeburg auslaufen soll?

Bücker: Die Kooperation besteht in dieser Spielzeit, und das Puppentheater wird auf jeden Fall bestehen bleiben, auch in einer Zusammenarbeit mit Magdeburg. Wie eng diese sein wird, wird sich zeigen.

Das Theater zeigt sich jetzt häufiger mit Formaten, die es bislang eher selten gab, etwa mit Talk-Shows. Doch nach dem Auftakt zur Reihe "Contrapunkt - Talk für Toleranz und Demokratie"" der ja von Publikum…

Bücker: …dazu möchte ich lieber nichts sagen, ach Gott, furchtbar…

…als Debakel empfunden wurde, muss ich fragen: Es wird ja wohl keine Fortsetzung geben?

Bücker: Ja, scheitern als Chance. Da sehe ich nach dem Auftakt keine Chance, es unter dem Label und in dieser Konstellation weiterzuführen.

Frage zum Funk-Projekt - das erscheint momentan leicht verrauscht.

(lacht) Ja, das hat Funk als analoges Sendemedium so an sich. Es ist ein großartiges Projekt, vor allem, weil wir dabei so eng mit dem Bauhaus zusammenarbeiten.

Es verästelt sich fast unbemerkt in ganz viele andere Veranstaltungen, deshalb ist Funk auf den ersten Blick nicht scharf umrissen erkennbar. Hier, zum Beispiel beim Bauhaus-Tanzfestival, gibt es zwei Projekte, die maßgeblich durch Funk initiiert oder inspiriert sind. Surpremalevich gehört dazu und auch das, was Andrea Moses auf der Bauhausbühne macht; es gab diverse Konzepte, Lesungen, Interviews; das Tolle ist die immer stärkere Bindung vor Ort, an Akteure vor Ort. "Hermes in der Stadt" - eine Tanzperformance mit dem Bauhaus.

Stichwort Tanztheater: Auch hier ist eine deutlich andere künstlerische Handschrift erkennbar; wie hat das Publikum reagiert? Gregor Seyffert war ja außerordentlich beliebt mit seinen Arbeiten.

Bücker: Wir haben insgesamt einen scharfen Schnitt gemacht und es sind viel diskutierte Wechsel vollzogen worden, auch strukturelle, was anfangs teilweise ja massiv skeptisch aufgenommen wurde. Das Schöne war, dass alle Sparten sich auf den Punkt hervorragend präpariert präsentieren konnten. Und da ist Tomasz Kajdanski unbedingt zu nennen mit seiner "Lulu", einem Stück mit hoher Energie, Erzähllust, mit einer großen Sinnlichkeit und mit einem phantastisch aufgelegten Orchester unter unserem Ersten Kapellmeister Daniel Carlberg, so dass klar wurde, es steht für sich und muss sich nicht an Vorgängern messen lassen.

Mit Irritation ist aufgenommen worden, dass es zwei, drei Wochen nach Spielzeitbeginn hieß: Moses geht - die leitende Regisseurin für Schauspiel und Musiktheater wird nach Stuttgart wechseln. Führt Herr Bücker schon Verhandlungen über eine neue Intendantenstelle?

Bücker: Na ja, Moses geht nicht ganz. Andrea Moses wechselt zur Spielzeit 2011 / 12 als Chefregisseurin an die Staatsoper nach Stuttgart, was phantastisch ist, wird dort zwei Inszenierungen machen und hier eine pro Jahr. Dieses Team, das sich hier gefunden hat ist großartig - das Zusammenspiel funktioniert sehr gut.

Der zweite Teil der Frage galt Ihnen.

Bücker: Mir? Ach, das hatte ich gar nicht verstanden. (lacht) Ich habe einen Vertrag bis 2013 und den werde ich erfüllen.

Wie man dessauert: Die Stadt des Bauhauses setzt auf Kultur - was sonst?

Süddeutsche Zeitung, 17.11.2009

"Es hat sich ausgeweimart, meine Herren", sagte Lyonel Feininger im Jahr 1925, "wir gehen jetzt dessauern." Mit diesem Satz werben seit einiger Zeit drei Zugereiste für einen Aufbruch in Dessau, einen Neubeginn mit den Mitteln der Kultur. Die drei haben etwa zur gleichen Zeit ihre Ämter in Dessau übernommen: Philipp Oswalt das Bauhaus, Michael Kaufmann das Kurt-Weill-Fest und André Bücker das Anhaltische Theater. Jetzt wollen sie gemeinsam "dessauern", laden andere zum Mittun ein. Nichts daran ist selbstverständlich und lange erprobt. Neu ist, dass sie kooperieren, dass am Theater neu begonnen wird, dass das Bauhaus sich überhaupt auf die Stadt einlässt. Neu aber ist vor allem, dass man in Dessau wieder einen Aufbruch wagt. Die Stadt, die vor zwei Jahren mit Roßlau vereinigt wurde, zählt heute nur noch 89 000 Einwohner. Seit 1989 ist jeder Vierte weggezogen, und ein Ende der Abwanderung ist bisher nicht abzusehen. Zu mächtig scheinen im mittelelbischen Auenland die Folgen der postrevolutionären Deindustrialisierung zu sein.

Dennoch gibt die Stadt etwa 12,5 Prozent ihres Haushalts für Kultur aus, etwa 20 Millionen Euro im Jahr. Das ist weit mehr als die im Bundesdurchschnitt üblichen drei bis acht Prozent. Welche Leistung, wie viel Trotz und Kulturbewusstsein dahinterstecken, versteht man, wenn man die Kulturnachrichten dieser Tage vernimmt. Hamburg etwa, nicht zuletzt für Pfeffersäcke berühmt, will im kommenden Jahr zehn Millionen einsparen (SZ vom 16. November); vor einem Spar-Tsunami warnte der Kulturrat; im Bundestag hat der Staatsminister Bernd Neumann die Kommunen und Länder beschworen: Nur geringe Summen ließen sich einsparen in der Kultur, die Schäden aber wären gewaltig und irreparabel. Man hört das Argument und nickt unwillkürlich, aber 20 Millionen Euro sind für Dessau-Roßlau keine geringe Summe. Die Summe ist höher als die Summe der Gewerbesteuereinnahmen, selbst in Boomjahren.

Gewiss, auch im mittelelbischen Auenland ist niemand auf Rosen gebettet. Es knirscht überall, weiß der neue, schwungvoll jugendlich wirkende Generalintendant André Bücker. Aber das tut seinem sehr entschlossenen Optimismus keinen Abbruch. Halb lustvoll, halb stolz weist er immer wieder auf die wunderbar lange Tradition hin. Unter seiner Leitung begann mit Wagner, Lessing und Schleef, mit "Lohengrin", "Nathan" und "Abschlussfeier" die 215. Spielzeit. Das Gebäude bietet etwa 1200 Plätze. Das ist sehr groß und gegen die Einwohnerzahl gehalten geradezu aberwitzig riesig. Aber Haus wie Ensemble sind auch etwas, auf das man stolz ist in der Stadt. Selbst Dessauer, die lange keine Vorstellung besucht haben, sprechen von ihrem Haus, von "unserem Theater". Als wieder einmal Haushaltsnot herrschte, war man sich im Stadtrat einig, das Theater zu schonen, soweit es geht. Das sind, mit Haustarif, keine paradiesischen Verhältnisse, aber wer mit Dessauern über ihr Theater redet, der begegnet jenem Bürgergeist, ohne den es nicht geht.

Im Land Brandenburg, in Frankfurt an der Oder etwa, rächen sich die Theaterschließungen der neunziger Jahre, von denen jede durch Not gut begründet war, jetzt schon grausam gründlich. Man wird die Folgen der Kurzsichtigkeit noch in Jahrzehnten spüren. Es fehlen Räume und Institutionen, an die eine Idee von Gemeinwohl sich heften könnte. Um diesen Verlust zu kompensieren, beauftragt man Marketing- und Eventagenturen, aber das hilft immer nur einen Sommer.

In Dessau blieb das Mehrspartenhaus, einschließlich Ballett und Puppentheater, erhalten. Der neue Intendant kann auf die mehr als 200 000 Besucher jährlich bauen. Der "Lohengrin" zum Auftakt ist begeistert gefeiert worden. André Bücker, zuvor Intendant in Halberstadt/Quedlinburg, will nun dem Schauspiel, auch dem Gegenwartsdrama in Dessau größere Auftritte bereiten.

Zu Spielzeitbeginn war auch eine Ausstellung mit Fotos aus der Region zu sehen - und manchen schien die Stadt nicht so schön, wie sie glaubten. So verwundet und reich an Brüchen, scharfen Gegensätzen sollte ihr Dessau sein? Die Erfahrungen der Menschen sollen im Theater zu Wort kommen, es solle, so Bücker, soziale Welten erforschen und "Diskussionsort für die Themen der Gegenwart" sein. Diskutiert wurden die Probleme der Gegenwart auch am Bauhaus, aber dies geschah meist in programmatischer Abkehr von der Stadt, in der die Bauhäusler 1925 eine Heimat gefunden hatten. Der neue Direktor der Stiftung, Philipp Oswalt, will vieles anders machen als sein Vorgänger: Streitlust statt akademischer Abgeklärtheit, Verankerung in der Stadt und in der Region sowie lustvolles Bewirtschaften touristischer Interessen - das wären einige der Stichworte.

All das kommt zusammen in dem Vorhaben, ein eigenes Besucher- und Ausstellungszentrum Bauhaus Dessau zu errichten. In jedem Jahr kommen 100 000 Besucher nach Dessau, um das Kunstschul-Gebäude von Walter Gropius und die Meisterhäuser zu besichtigen. Ein würdiges und vor allem funktionales Empfangsgebäude fehlt. Auch reicht der Platz nicht hin, die zweitgrößte Bauhaussammlung der Welt angemessen zu präsentieren. Über 25 000 Objekte verfügt man, gezeigt wird eine äußerst schmale Auswahl. Mehr lässt der Raum nicht zu.

Der Stiftungsrat wird in dieser Woche entscheiden, ob es anders werden kann, ob Dessau ein neues Ausstellungs- und Besucherzentrum erhalten soll. Mit einem Neubau bekäme Dessau eine ganz andere Stellung im Kreis der Bauhaus-Städte. In Weimar plant man die Errichtung eines neuen Bauhausmuseums, das Bauhaus-Archiv in Berlin, beruhend auf der von Hans Maria Wingler initiierten Sammlung, leidet unter finanziellen Problemen. Die lange geplante Erweiterung ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Diese kann angesichts der Berliner Haushaltslage und der Vorlieben des regierenden Kulturbürgermeisters sehr lang werden. Vielleicht fände die Sammlung ihre Heimat in Dessau, wenn, ja wenn dort das neue Ausstellungs- und Besucherzentrum erstünde.

"Dessau ist die Stadt der Moderne", sagt Philipp Oswalt. "Hier liegt ihr Potential. Sie braucht einen Ort, an dem dieser Reichtum sichtbar wird." Hier könne sich die Region als "Kraftfeld der Avantgarde" präsentieren. An der Kreuzung, die zu diesem Zweck ins Auge gefasst wurde, stoßen die beiden Dessauer Weltkulturerbestätten aufeinander. Die Stiftung Bauhaus mit ihren Meisterhäusern, um deren Rekonstruktion gewiss noch gestritten werden wird, und das aufgeklärte Gartenreich von Dessau-Wörlitz.

Dies gehört zu den Besonderheiten, zur Einzigartigkeit Dessaus. Die Stadt besaß, still und folgenreich, über Jahrhunderte Avantgardecharakter. Das begann wohl mit Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, dessen Exerzierkünste - er führte Gleichschritt, eisernen Ladestock und konzentriertes Pelotonfeuer ein - den Grund für Preußens Aufstieg und eine grundstürzende Modernisierung des Militärs legten. Mit dem Gartenreich, das Fürst Franz anlegen ließ, begann in Deutschland der moderne Klassizismus, einschließlich Neugotik und Landschaftsgarten. Als 1925 das Bauhaus nach Dessau kam, dank der Unterstützung von Sozialdemokraten und Hugo Junkers, hatte man in der Gegend also einige Erfahrung mit kulturellen Aufbruchsprojekten.

Seltsamerweise schien dies nach 1990 vergessen. Wer aus dem Bahnhof tritt, sieht sozialistische Moderne und kapitalistische Fertigteilurbanität um die Krone der Scheußlichkeit miteinander ringen. Ein Abriss von Einkaufszentren könnte der Stadt nur gut tun. Etwa 10 000 Wohnungen stehen leer. Umso erstaunlicher, umso erfreulicher wirkt nun das "Dessauern" der drei Neuen, die in dem parteilosen Oberbürgermeister Klemens Koschig, der einst für das Neue Forum am runden Tisch Roßlau saß, einen Unterstützer gefunden haben.

Leichter wird es nicht werden für die schrumpfende Stadt Dessau im armen Land Sachsen-Anhalt während der größten Wirtschaftskrise. Ein Solidarpakt zur Unterstützung der selbst in rosigen Zeiten überforderten Kommunen wäre jetzt zu fordern. Was Deutschland groß und liebenswürdig gemacht hat, sei es die Reformation, die Klassik, der Idealismus, entstammt kleinstädtischer Kultur. Unsere Zentren sind eben in erster Linie Wittenberg, Weimar, Wolfenbüttel, Meiningen und Marbach. In Dessau kann man nun ein kulturpolitisches Modell erproben, wie mit dieser Kleinteiligkeit wieder Großes zu erreichen wäre. JENS BISKY

Raus aus der Vergangenheit

Andreas Hillger, Die Deutsche Bühne, 11 | 2009

André Bücker vollbringt am Anhaltischen Theater in Dessau einen auf ganzer Linie überzeugenden Neustart als Nachfolger von Johannes Felsenstein

Eine Putzfrau, ausgerechnet eine Putzfrau ist es, die zur Augenzeugin der Verschwörung wird: Im verwüsteten Plenarsaal, wo Luftballons zwischen umgeworfenen Stühlen liegen, blickt sie schweigend auf den abgesetzten Herrscher und seine First Lady herab. Und während sich die Anhänger des Gewesenen spätestens in diesem Augenblick auf radikale Ablehnung einigen, sehen all jene, die auf das Kommende gehofft haben: Hier findet tatsächlich ein Akt der Reinigung statt, ein Kehraus jener Tradition, die auf dem Anhaltischen Theater zuletzt bleischwer lastete.

Nichts weniger hatte André Bücker für seine erste Dessauer Spielzeit angekündigt, nichts weniger hat sein Team mit dem ersten Premierenwochenende gehalten: Der Premieren-Hattrick aus Einar Schleefs „Abschlussfeier“, Richard Wagners „Lohengrin“ und Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ war eine politische und poetische Ansage, die in ihrer programmatischen Geschlossenheit wie in ihren ästhetischen Differenzen zu schönsten Hoffnungen für die Zukunft berechtigte. Dass sich der neue Generalintendant dabei in nobler Zurückhaltung übte und seine eigene Inszenierung an den Schluss des großen Theater-Festes stellte, durfte nach den Tagen des Patriarchen Johannes Felsenstein als Bekenntnis zum demokratischen Miteinander verstanden werden.

Die Fallhöhe seines „Nathan“ aber ist gleichwohl himmlisch: Rechas Vision, die einen Engel statt des Tempelherrn für ihre Rettung aus dem Feuer verantwortlich macht, wird als Prolog auf der großen Showtreppe zwischen Erde und Wasser, Feuer und Luft sichtbar beglaubigt. Im elementaren Bühnenbild von Suse Tobisch, die auch für die sakrale Haute Couture der Kostüme verantwortlich zeichnet, liest das neue Ensemble fortan einen alten Text, als wäre er ein Stück von heute. Uwe Fischers Nathan ist kein statuarischer Weiser, sondern ein von Kleinmut und Zweifeln getriebener Mensch, der sich seine Güte mühsam erarbeiten muss – und eigentlich lieber sein Gärtchen bestellen würde. Doch seitdem der selbstbewusste, kraftstrotzende Tempelherr (Sebastian Müller-Stahl) seine traumverlorene Adoptivtochter Recha (Ines Schiller) aus den Flammen getragen hat, bleibt ihm weder Zeit für seinen skurrilen Derwisch-Freund (Thorsten Köhler) noch für die Glaubensnöte seiner Dienerin Daja (Eva-Marianne Berger), die unter der Last ihrer Kruzifixe zusammenzubrechen droht und vom vielen Beten schon Pflaster an den Knien hat. Zwischen dem bigotten Patriarchen (Gerald Fiedler) und dem leichtsinnig toleranten Kampfsportler Saladin (Stephan Korves) muss der Jude sein höchstes Gut verteidigen – und gleichzeitig die Begehrlichkeiten von Sittah (Antje Weber) abwehren. Wie gut, dass wenigstens der Klosterbruder (Henning Kober) als Deus ex machina hält, was sein mit Heiligenbildchen bestickter Kittel verspricht …

André Bücker glückt es auf überraschende Weise, den Humor des Lessing-Textes als Geschmacksverstärker für die Bitterkeit freizulegen, er schlägt in der überwältigenden Körperlichkeit seines Ensembles einen gleichermaßen natürlichen wie hohen Ton an – und läuft am Ende in einhellige Begeisterung, nachdem sich am Vorabend ein Sturm aus Buh- und Bravo-Rufen über seine neue Chefregisseurin ergossen hatte. Dabei war auch Andrea Moses mit ihrem „Lohengrin“ ein großer Wurf gelungen: Sie hatte nicht nur den schimmernden Helden als Demagogen entzaubert, der mit seinem Frageverbot einen esoterischen Faschismus etabliert. Sie hatte zugleich den Hochbunker aus dem Jahr 1938 in all seinen gigantischen Möglichkeiten ausgeschöpft – und mit dem Haus auch die Menschen bewegt.

Denn dies war die frappierendste Neuerung ihres Abends, der in Christian Wiehles Ausstattung Schnürboden und Versenkung, Hinter- und Seitenbühne beansprucht: Ihre individuelle und präzise Figurenführung löste endlich jene musiktheatralische Qualität ein, die in den letzten Jahren vor Ort meist zur bloßen Behauptung verkommen war. Der Chor, verstärkt um Mitglieder des Extrachores und des freien Coruso-Ensembles, zeigte sich unter der Leitung von Helmut Sonne sängerisch wie darstellerisch in der Form seines Lebens, die Anhaltische Philharmonie spielte unter Antony Hermus gar weit über ihren bisherigen Möglichkeiten. Wie hier die Szene aus dem Klang geschöpft und in den Ton zurückgeführt wurde – das hatte Charme und Kraft, das war eine Verführung zum Denken und ein Bekenntnis zum „Bayreuth des Nordens“.

Dass sich neben den verlässlichen Konstanten Ulf Paulsen (Telramund) und Iordanka Derilova (Ortrud) ein neues Sängerensemble behauptete, von dem man sich künftig viel erwarten darf, rundete den positiven Eindruck: Pavel Shmulevich ist ein viriler König Heinrich, neben dem auch sein Heerrufer Wiard Witholt glänzende Figur macht. Und während Bettine Kampp als zunächst narkotisiertes Opfer Elsa allmählich zur selbstbewussten Frau reift, die als Einzige dem militanten Sog der New-Age-Gemeinde entrinnt, muss Andrew Sritheran in seinem Rollendebüt als Lohengrin zwar Lehrgeld zahlen. Er rettet sich – von Antony Hermus treulich geführt – aber mit Bravour über den Abend und wird an dieser Rolle gewiss weiter wachsen. Dass das gesamte Ensemble am Ende zudem wie ein Mann applaudierend hinter seiner Regisseurin stand, die drei Tage nach ihrem Dessauer Einstand mit der Berufung an die Staatsoper Stuttgart bereits die nächste Karriere-Stufe nahm, war ein Beweis für den neuen Geist, der auf dieser großen Bühne weht – und der Andrea Moses auch darin bestärkt, ihren Dessauer Vertrag bis 2011 zu erfüllen.

Dass Armin Petras schließlich ein besonderes Geschenk zum Einstand mitbringen würde, hatte man angesichts seiner Affinität zum Werk von Einar Schleef vermuten dürfen. Und tatsächlich geriet die „Abschlussfeier“, die vom Clash der Kulturen in einer DDR-Jugendherberge erzählt, zu einem Schauspielerfest voll überdrehter, traurig grundierter Heiterkeit: Ursula Werner und Hilke Altefrohne, Julischka Eichel und Sabine Weibel gaben als Gorki-Gäste hier das Niveau vor, zu dem sich auch die Ensemblemitglieder Regula Steiner-Tomic und Christel Ortmann sowie der Jugendklub des Anhaltischen Theaters streckten. Aus der kleinen Spielstätte wuchs und öffnete sich dieser so kluge wie sentimentale Abend in die Stadt hinein. Und am Ende der großen Party in einem kleinen Land konnte man wissen, dass dort vielleicht nicht alles schlecht – aber ganz gewiss gar nichts gut war.

Dass bereits in der ersten „Lohengrin“-Pause das neue Gästebuch mit dem Eintrag „André Bücker absetzen“ eröffnet worden war, erzählte viel über die Aufnahmebereitschaft der Alten für das Neue. Das letzte Wort aber hatte der Hausherr selbst: Nachdem ein Kinderchor die drakonische Strafe für Menschlichkeit zunächst noch mit „Hallelujah“ bejubelt hatte, schwebte am Ende eine bunte Leuchtschrift über der Szene: Ein roter Halbmond bildete das „C“, ein Davidsstern das „X“ und ein Kreuz das „T“ in dieser Aufforderung, die sich insgesamt als „Coexist“ lesen ließ. Und Nathan, dieser Mensch von Hier und Heute, pflanzte endlich seinen Baum. Was für ein Bild, welch ein Versprechen!

Text und Lieder werden ein Ganzes

Choratorium: Musikschüler und Schauspieler proben für ihren Auftritt
VON ILKA HILLGER, 28.10.09

DESSAU/MZ. Alterode, Schulpforta, Weißenfels, Sömmerda und Hellersdorf. Lang ist die Liste jener Orte, in denen Frank Roder in den vergangenen zwei Jahren in Sachen Paul Gerhardt unterwegs war. Er reiste kreuz und quer durchs Land. "Ich habe in großen und kleinen Räumen gespielt, die Wirkung war immer einmalig", sagt Roder. Dabei singt er gar nicht die Lieder jenes Mannes aus Gräfenhainichen, dessen Geburtstag 2007 zum 400. Mal gefeiert wurde. Roder ist Schauspieler und erzählt vom Leben des Kirchenlieddichters Paul Gerhardt. Er geht dafür in die Kirchen, trifft die Gemeinden und vor allem auf deren Chöre, denn das Projekt "Du, meine Seele, singe" ist ein Choratorium mit Roder und den Sängern als Hauptdarstellern.
Oft erprobt wurde diese Zusammenarbeit nun schon, in diesen Tagen aber bekommt sie eine neue Qualität. Roder trifft sich mal wieder mit dem Regisseur des Stückes. André Bücker, heute Generalintendant des Anhaltischen Theaters, inszenierte das Choratorium mit Roder, als beide noch am Theater im Nordharz arbeiteten. Nun ist Bücker in Dessau, und nun kommt das Choratorium, geschrieben von August Buchner, auch in die Stadt, rückt nahe an Gräfenhainichen, den Geburtsort Paul Gerhardts heran. Am Sonnabend um 18 Uhr ist es in der Georgenkirche zu erleben. Bereits Donnerstag und Freitag füllt sich das Gotteshaus bei Proben mit jungen Leuten, denn diesmal wird es nicht der Gemeindechor sein, der Gerhardts Lieder singt, sondern der Chor der Musikschule. Gut 30 junge Sänger, die Flötengruppe und Posaunenspieler bereiten sich auf die Dessauer Premiere vor.
Die Musikschüler begleiten Gerhardts Lieder freilich schon sehr viel länger. Seit mehreren Wochen studieren sie unter der Leitung von Gesangslehrerin Marianne Kaiser die Strophen von Liedern wie "Geh aus, mein Herz" und "O Haupt voll Blut und Wunden" ein. So war es auch vor einer Woche im Saal der Musikschule. "Hell singen, hell singen", rief da Marianne Kaiser den jungen Leuten immer wieder zu, während diese sich durch das umfangreiche Liedmaterial arbeiteten. Frau Kaiser selbst las derweil jene Texte, die der Schauspieler bei den Proben am Donnerstag und Freitag sprechen wird.
Der freut sich derweil über den großen Umfang der Vorbereitungen in Dessau. Denn Thomas Kunath, früherer Direktor der Musikschule, schrieb eigens für die Aufführung neue Arrangements, die es erlauben, dass Flöten und Posaunen den Gesang begleiten. "Das ist auch für mich neu", so Roder, der bei den bisherigen Aufführungen gemerkt hat, dass "selbst jene, die ihren Paul Gerhardt zu kennen glauben, die Lieder durch das Stück neu verstehen". "Die Zuschauer bekommen von mir Informationen, und das löst bei ihnen Emotionen aus." So intensive, dass es selbst den erfahrenen Darsteller immer wieder aufs Neue überrascht. "Die Wirkung der Worte und Lieder so unmittelbar zu erleben, ist eine Erfahrung, die es auf der Theaterbühne nicht in dieser Stärke gibt", sagt Roder.
Eine Wirkung, die aus der Verwebung von Text und Gesang resultiert. Während der Schauspieler verzweifelt, hadert, Gott anruft und von den Lebensstationen Gerhardts erzählt, fällt ihm immer wieder der Chor ins Wort mit Liedern, die - gesungen in gesamter Länge - eine ungewöhnliche emotionale Kraft entfalten. Praktisch funktioniert dieses Konzept, weil die Chöre schon vor der Aufführung - wie eben auch in Dessau - eingebunden werden und mit dem Liedmaterial arbeiten. Treffen sie dann auf den Schauspieler, fügen sich zwei Teile - Text und Lieder - zu einem Ganzen, das aufgrund der verschiedenen Aufführungsorte immer neu ist. Auch in Dessau und bei der zweiten Aufführung am 14. November in der Wittenberger Stadtkirche wird sich Frank Roder deshalb neue Wege suchen, auf Emporen spielen, vorm Altar verzweifeln und einen inneren Glaubenskrieg entfesseln.

Verantwortung tragen für die „große Inszenierung Theater“

Magdeburger Volksstimme, 28.07.2009

Ab 1. August ist André Bücker Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau

Von Helmut Rohm
Ein herzliches „Guten Morgen“ für den Pförtner wird am 1. August die erste „off zielle Amtshandlung“ von André Bücker sein. Er ist ab diesem Tag der neue Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau. Nachfolger des mit Spielzeitende in den Ruhestand gegangenen Johannes Felsenstein.
Dessau-Roßlau. André Bücker freut sich auf diese Arbeit, auf sein Leitungsteam, auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Darauf, dass es „nun richtig losgeht“, so der 40-Jährige, der aus Harderberg bei Osnabrück stammt. Bis 31. Dezember 2008 war André Bücker Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters Halberstadt.
„Ich hatte die Geschäfte allerdings in Halberstadt bereits im September 2008 an meinen Nachfolger übergeben. Auch, um Zeit für die neue Herausforderung hier zu haben“, erzählt der „Neudessauer“, dessen Auto seit Oktober 2008 ein DE-Kennzeichen hat. „Es sollte ja kein Blindfug sein, mit dem ich nach Dessau gestartet bin“, macht es André Bücker bildhaft.
Natürlich beginnt die Arbeit in Dessau nicht erst am 1. August. Schon vor und im Bewerbungsprozess hat sich Bücker mit diesem „äußerst interessanten künstlerischen Pflaster“ beschäftigt. Er zählt stichpunktartig auf, kommt fast ins Schwärmen: humanistische Traditionen, Bauhaus, Dessau-Wörlitzer Gartenreich, mit Blick bis nach Wittenberg, auch die Reformation, preußische Aufklärung, Kurt Weill, Moses Mendelssohn. Ein schier unerschöpficher Fundus an Geschichte und Geschichten, die es lohnen, im besten Sinne des Wortes „bearbeitet“ zu werden, um „einen Blick auf das Heute zu finden“.
„Die meisten Wünsche habe ich mir erfüllen können“
Viele tausend Kilometer sei er unterwegs gewesen, um sich Künstlerinnen und Künstler anzuschauen, insbesondere jedoch Mitstreiter für sein Leitungsteam zu suchen und zu finden. Klar habe er Wünsche gehabt. Und er kenne sich auch aus in der „Szene“. Da kamen ihm die dreieinhalb Jahre Generalintendanz in Halberstadt zugute, wie auch die beiden Jahre als stellvertretender Intendant in Wilhelmshaven. Oder gleich nach dem Studium in Bochum die vier Jahre als Regieassistent in Dortmund mit fünf eigenverantwortlichen Regiearbeiten. Seit 1995 brachte er, fünf Jahre freiberuflicher Tätigkeit inbegriffen, in denen „ich immer gut zu tun hatte“, etwa 50 Inszenierungen auf die Bühne.
Zurück zu seinen Wünschen. „Die meisten habe ich mir erfüllen können“, freut er sich. Und wieder etwas ernsthafter: Klar geht es bei einem Intendantenwechsel nicht ohne Spannungen und Konfikte ab, sind Verunsicherungen fast normal. „Dennoch wollte und musste ich Voraussetzungen schaffen für die Umsetzung meiner Ideen von Theaterarbeit in Dessau, für die ich schließlich auch gewählt wurde. Und für die ich geradestehen muss, an deren Ergebnissen ich, aber auch das ganze Dessauer Theater künftig gemessen werden.“
Er möchte gern jeden nennen und jedes Engagement würdigen, beschränkt sich jedoch dann auf einige, völlig ohne Rang- und Reihenfolge: Andrea Moses, leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel, Heribert Germeshausen, leitender Dramaturg Musiktheater/ Operndirektion, Holger Kuhla, leitender Dramaturg Schauspiel und Pupentheater, auch Generalmusikdirektor Antony Hermus und Ballettdirektor Tomasz Kajdanski.
Apropos Wünsche und Ziele. Ihm war schon mit etwa 16 Jahren klar, dass er später „zum Theater gehen wird“. Als er 25 war, hätten er und ein guter Schauspiel-Freund über die Frage sinniert, was werde wohl in zehn Jahren sein. André Bücker meinte damals: „Da bin ich Intendant“ – und es hat geklappt. Er wollte mehr und mehr in höherer Verantwortung stehen, nicht nur als Regisseur für ein Stück, sondern Verantwortung tragen für die ganz „große Inszenierung Theater“.
In Dessau ist „die konzeptionelle Arbeit für die erste Spielzeit 2009/2010 abgeschlossen“. Das Ensemble ist engagiert, das Spielzeitheft „auf dem Markt“. Der Generalintendant freut sich, dass vielleicht befürchtete oder von einigen herbeigewünschte Abonnenteneinbrüche nicht eingetreten seien. Das spreche für Neugierde und Vorabvertrauen des Publikums auf Kommendes. Das Programm unter dem Motto „Offenes Land“ könne sich künstlerisch durchaus sehen lassen. André Bücker selbst wird mit drei Inszenierungen „dabei sein“: „Nathan der Weise“ (Premiere 4. Oktober), „Das Tagebuch der Anne Frank“ (als Minioper von Grigori Fried; 27. Oktober) und „Die Stumme von Portici“ (24. April 2010).
„Ort und Region werden sich widerspiegeln“
Es geht bereits mit einem künstlerischen „Paukenschlag“ los. In aller Bescheidenheit, aber auch mit berechtigtem Stolz formuliert André Bücker: „Unser großes Premierenwochenende kann man in der deutschen Theaterlandschaft suchen.“ Das Programm: 2. Oktober: „Abschlussfeier“, Uraufführung, (Schauspiel von Einar Schleef, Regie: Armin Petras), 3. Oktober: „Lohengrin“ (Oper von Richard Wagner, Regie: Andrea Moses), 4. Oktober: „Nathan der Weise“. Der „Dreiklang“ Wagner, Lessing, Schleef, so der Generalintendant, widme sich deutschen Themen in allen Brüchen und ihrer Widersprüchlichkeit.
Es wird für Dessau überhaupt ein besonderes und denkwürdiges Jahr werden, auch aus historischer Sicht. André Bücker: „Das Theater geht in die 215. Spielzeit und wir werden die 5000. Inszenierung in der Geschichte dieses Theaters auf die Bühne bringen.“ Theaterkunst in Dessau im weitesten Sinne realisiert sich nicht nur im Theater selbst. Zahlreiche Kooperationen, unter anderem mit dem Bauhaus, dem Kurt-Weill-Fest, auch den Schulen zeugen davon, dass „der Ort und die Region, ihre Themen und Geschichten sich in unserer Arbeit widerspiegeln werden“.
Das passt auch zu André Bücker, der, wenn nicht Theatermann, vielleicht Archäologe geworden wäre. Mit noch immer vorhandenem Interesse an Geschichte und Geschichten, an Spurensuche, am Ausgraben, Forschen und Entdecken. Das alles gebe es im Theater irgendwie auch.
Über 20 Inszenierungen werden am Anhaltischen Theater Dessau in der kommenden Spielzeit zu erleben sein.
„Wir freuen uns auf Sie“, lädt André Bücker sein „hochgeschätztes Publikum“ dazu ein.

Eine Stadt wird bespielt "Weltzeit Wittenberg": Theatertour in die Zeit des Umbruchs

Wittenberg (wg). "Diese Uraufführung reiht sich ein in die lange Kette der Sommertheaterprojekte und verbindet einmal mehr Traditionelles mit Neuem", erklärte Oberbürgermeister Eckhard Naumann beim Pressegespräch auf dem Lutherhof, einem der sieben Schauplätze der Theatertour. Luther, Reformation, Um- und Aufbruch sind die immer wiederkehrenden Themen der seit 1996 aufgeführten Sommerinszenierungen der Bühne Wittenberg. Jeweils neu sind die Spielorte, die Ideen, die Regisseure und Autoren sowie die Schauspieler. Regisseur der "Weltzeit Wittenberg" ist André Bücker, designierter Generalintendant des Anhaltischen Theaters. Johannes Winkelmann, Geschäftsführer des Vereins WittenbergKultur, lobt ausdrücklich die gute Kooperation mit der Dessauer Bühne: "Wir müssen die Potenziale der Region bündeln, Wittenberg verfügt über eine bedeutsame Historie, Dessau hat ein großes Theater." Bespielt werden die Originalschauplätze der Reformation, denn die Bühne Wittenberg erhebt den Anspruch, Geschichte lebendig zu machen und dabei das Publikum mitzunehmen. "Wir machen keine Historienspektakel mit einem Hammer schwingenden Luther, vielmehr geht es uns um die künstlerische Brechung des Themas Reformation", betont Winkelmann. Nicht so sehr Luthers Wirken stehe dabei im Mittelpunkt, sondern die Auswirkungen der Umbruchzeit bis heute. Winkelmann: "In Wittenberg ist genug Stoff auch für künftige Theaterprojekte vorhanden." In "Weltzeit Wittenberg" verwandelt sich die historische Innenstadt in das Europa an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. "Damals befand sich die ganze Welt im Umbruch." "Ein wesentlicher Fokus lag dabei auf Wittenberg", erklärt André Bücker. "Wittenberg befindet sich im Zentrum von Weltgeschichte und Weltzeit, ein unglaublich inspirierender Ort für künstlerische Transformationen." Das Publikum erkundet auf den Linien der Zeit die damaligen Ereignisse. "Zum Raum wird hier die Zeit", dieses Parzival-Zitat könnte als Motto über Bückers Inszenierung stehen: "Historische Figuren entwerfen in fiktiven Situationen ein Panorama der Reformation." In verschiedenen Alltagssituationen werden die Ängste und Nöte der Menschen in dieser signifikanten Umbruchzeit beleuchtet: Wird die neue Zeit ihr Leben bestimmen oder handelt es sich "nur" um ein gesamtgesellschaftliches Ereignis, während die Menschen im täglichen Leben mit ganz anderen existenziellen Problemen zu kämpfen haben? Das Publikum wird in zwei Gruppen geteilt und beginnt den Theaterabend an zwei entgegen gesetzten Punkten der Stadt: Auf dem Lutherhof begegnen die Zuschauer dem Kosmographen Sebastian Münster (Basel 1552), die andere Gruppe erlebt an der Freitreppe am Schlossplatz ein königliches Schachspiel mit Isabella von Kastilien, Ferdinand von Aragon und Christoph Kolumbus (Barcelona 1493). Unterwegs trifft das Publikum auf Wissenschaftler und Handwerker, Kurfürsten und Untergebene des Papstes, traditionsbewusste Katholiken, Protestanten und konvertierte Juden. An Luthers Predigtkirche St. Marien treffen sich beide Gruppen und alle Schauspieler zur "Wittenberger Inventur" am Vorabend von Allerheiligen 1517, einen Tag vor Luthers Thesenanschlag. Weitere Spielorte und Spielszenen: Der Schlosshof verwandelt sich in den Vatikan, wo Leonardo da Vinci verbotenerweise den Kadaver des päpstlichen Elefanten seziert (Rom 1516). Auf dem Museumshof treffen sich Albrecht Dürer und Sybille, Ehefrau des reichen Kaufmanns Jakob Fugger (Augsburg 1512). Auf dem Hof der Leucorea ruft Wiedertäufer Jan Bockelson sein Volk zum letzten Gefecht gegen die Sünder und Frevler auf (Münster 1535). Über die Erfindung der transportablen Zeit in Form einer Uhr streiten auf dem Hof des Best Western Hotels der Schuhmacher und Poet Hans Sachs und Uhrmachermeister Peter Henlein (Nürnberg 1520). - Premiere ist am Donnerstag, dem 16. Juli, 20 Uhr. Weitere Vorstellungen: 17., 18., 24., 25. und 31. Juli sowie 1., 7. und 8. August, jeweils 20 Uhr. Gegen ein Pfand von zehn Euro wird ein "Zeitreisestuhl" angeboten. - Karten gibt es unter der Rufnummer 0700/20 08 20 17 oder www.buehnewittenberg.de.

Vom 16. Juli bis zum 8. August in Wittenberg - Alles ist in ständiger Bewegung

Stadt offeriert ersten künstlerischen Beitrag zur Luther-Dekade
VON KLAUS ADAM, Mitteldeutsche Zeitung, 06.07.09
WITTENBERG/MZ. Zu Beginn gibt's erstmal Klapphocker. Die kleinen grünen Sitzgelegenheiten werden von den Gästen des diesjährigen Lutherstückes "Weltzeit Wittenberg" sicher gut gebraucht. Denn das Publikum hat einiges an Weg zurückzulegen. Und wird sie gern unter den Arm klemmen, wenn es von Bühne zu Bühne geht. Alles ist im Fluss, "es gibt nichts Statisches" in diesem Theater, meinte Wittenbergs Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) am Montag zur Vorstellung des Projektes, das gleichzeitig das erste Stück der Stadt in der Luther-Dekade ist. Damit wolle man "etwas Besonderes anbieten", aber nichts, das für die nächsten zehn Jahre Bestand habe. "Wir versuchen, immer wieder Neues einzubinden", erklärte Naumann zum Credo des diesjährigen Luther-Stückes. Die Orte, die Texte werden immer wieder anders sein. "Wir möchten Geschichte lebendig machen", fügte Johannes Winkelmann vom Veranstalterverein "WittenbergKultur" an. Es solle weder ein Heimatstück, noch Historienspektakel werden, "dazu haben wir ,Luthers Hochzeit'", sondern ein Theaterspiel, das die Auswirkungen der Wittenberger Geschichte auf Europa und die Welt und auch wieder zurück darstellt. Wie in der Geschichte, so wird es in dem Stück nicht nur streng geradeaus gehen, sondern die Gäste müssen sich auch auf einen Zickzackkurs gefasst machen. Und das ist ganz praktisch gemeint, denn nicht weniger als sieben Spielstätten erwarten das Publikum. Allerdings anders als 2004, da die Besucher selber entscheiden konnten, wann sie an welchen Ort gehen (getreu dem Motiv: "eine Stadt wird bespielt") werden sie dieses Mal in Gruppen von Stadtführerinnen begleitet. "Was durchaus auch eine logistische Meisterleistung ist", wie Regisseur André Bücker einflicht. So ist der Hof des Lutherhauses für die eine Gruppe der Beginn und für die andere das Ziel. "Auf diese Art wird jeder am Ende ein anderes Stück gesehen haben", zeigt sich der designierte Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau sicher. Unterwegs spalten sich die Züge jeweils noch einmal in kleinere Gruppen. "Historische Figuren treffen auf fiktive Weise aufeinander", erklärt Bücker die Spielregeln. "Wir befinden uns hier im Zentrum von Weltzeit", erinnert der Regisseur. "Von hier sind Impulse ausgegangen, die die Welt nachhaltig geprägt haben." Und mit den Linien dieser Impulse beschäftigt sich das Stück. Entlang dieser Linien wird sich das Publikum bewegen, wenn es von der Freitreppe am Schlossplatz zum Museumshof wechselt oder zum Schlosshof. In der Stadtkirche treffen sich unterwegs alle. Dort werden am Vorabend von Allerheiligen 1517 und einen Tag vor Luthers Thesenanschlag die Reliquien in der Kirche des Kurfürsten inventarisiert. Als den Mägden eine Reliquie zerbricht und man ihnen mit Fegefeuer droht, überlegen sie verzweifelt, ob sie Hilfe durch einen von Tetzels Ablassbriefen finden könnten. In einer anderen Szene wird Leonardo da Vinci an der Leiche des päpstlichen Elefanten Hanno aufgegriffen, wie er herausfinden will, woran das Tier gestorben ist. Während die Menschen darben, ruft Wiedertäufer Jan Bockelson an anderem Ort zum letzten Kampf gegen Sünder und Frevler auf. Doch eine Frau aus dem Volke prangert Missstände öffentlich an. Bockelson, der Vielweiberei betreibt, bietet ihr die Ehe an. Sie lehnt ab und findet durch dessen Wachen den Tod. Keineswegs wird dabei jedoch der schulmeisterliche Zeigefinger erhoben. Die Schauspieler agieren als Komödianten im besten Sinne. Frank Roder als Jan Bockelson konnte dies beim Pressetermin am Montag treffend demonstrieren. Das Ensemble ist erneut eine gute Mischung aus erfahrenen professionellen Akteuren und hochtalentiertem Nachwuchs vom Theaterjugendklub. Premiere von "Weltzeit Wittenberg" ist am 16. Juli. Weitere Vorstellungen: 17. 18., 24., 25., und 31. Juli sowie am 1., 7. und 8. August, jeweils 20 Uhr.

Anhaltisches Theater Dessau unterwegs in „Offenes Land“

André Bücker stellt das Programm für die 215. Spielzeit in Dessau vor.

Auf einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag stellte der künftige Generalintendant André Bücker das künstlerische Team vor, das ab dem 1. August 2009 die Leitung des Mehrspartenhauses mit 350 Mitarbeitern übernimmt. Ihm zur Seite stehen mit Antony Hermus ein neuer Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Anhaltischen Philharmonie, mit Andrea Moses eine neue Leitende Regisseurin für Musiktheater und Schauspiel, mit Tomasz Kajdanski ein neuer Ballettdirektor und Chefchoreograph und mit Frank Bernhardt, der künstlerische Leiter des Dessauer und Magdeburger Puppentheaters (die Kooperation der beiden Häuser in Dessau und Magdeburg geht in das fünfte Jahr). Die Dramaturgie wird komplettiert durch Heribert Germeshausen (Leitender Dramaturg Musiktheater/Operndirektion), Holger Kuhla (Leitender Dramaturg Schauspiel und Puppentheater) sowie Maria Viktoria Linke (Dramaturgin für Schauspiel und Projekte). Neben dem künstlerischen Leitungsteam werden über 50 neue Künstlerinnen und Künstler die Arbeit am Dessauer Theater aufnehmen.

„Offenes Land“ lautet die Überschrift zur 215. Spielzeit 2009/2010. „Das Anhaltische Theater Dessau ist ein Diskussionsort für die Themen der Gegenwart. Wir schöpfen unser Material aus einer der wichtigsten Kulturlandschaften Deutschlands und laden Künstler mit scharfem Blick und aufregenden Handschriften ein, diese mit uns zu erkunden“ sagte André Bücker bei der Vorstellung des Premierenplans, der 30 Premieren, 8 Sinfoniekonzerte sowie zahlreiche Sonderkonzerte und Projekte vorsieht.

Das große Eröffnungswochenende vom 2. bis 4. Oktober steht im Zeichen der deutschen Themen. Mit der Uraufführung von Einar Schleefs „Abschlussfeier“ in der Inszenierung von Armin Petras (Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin) beginnt das Wochenende im neuen Spielort „Altes Theater“. Es schließen sich die Premieren von Richard Wagners „Lohengrin“ (Inszenierung Andrea Moses) und Lessings „Nathan der Weise“ (Inszenierung André Bücker) im Großen Haus an. Ergänzt wird das Wochenende durch das Projekt „Gesänge aus 1001 Deutschen Nacht“, inszeniert von Krzystof Minkowski, das an unterschiedlichen Orten im Dessauer Stadtgebiet aufgeführt wird.

Als weitere Premieren im Musiktheater stehen die selten gespielte und historisch als erste Grand Opera geltende Oper „Die Stumme von Portici“ Daniel-François-Esprit Aubers (Inszenierung André Bücker), Giuseppe Verdis „Ein Maskenball“ (Inszenierung Roland Schwab), Bernsteins „Candide“ (Inszenierung Cordula Däuper) und als Eröffnungsproduktion des Kurt Weill Festes 2010 das Musical „One Touch of Venus“ auf dem Programm. Die Premiere des amerikanischen Weill Musicals markiert gleichzeitig die 5000. Premiere in der Geschichte des Dessauer Theaters.

Im Schauspiel stehen als markante Premieren Kleists frühes Drama „Die Familie Schroffenstein“ (Inszenierung Christian Weise), Zuckmayers „Des Teufels General“ (Inszenierung Wolf Bunge) und „Sommer-Nacht-Traum“ (Inszenierung Andrea Moses) als Kombination aus Botho Strauss’ „Der Park“ und Andreas Gryphius „Herr Peter Squenz“ an. Daneben gibt es zahlreiche Premieren im Alten Theater und die Uraufführung eines Projektes von Niklas Ritter mit dem Titel „Wanderlust und Reisefreiheit“, das von Dessauer Bürgern über 60 Jahren mitgestaltet wird. Das Stadtprojekt „89jetzt!“ beschäftigt sich mit der Wende vor 20 Jahren in Dessau und wird am 9. November im gesamten Stadtgebiet vom Theater und der Dessauer Bevölkerung getragen.

Tomasz Kajdanski widmet sich in seiner ersten Spielzeit als Chefchoreograph dem modernen Tanztheater und erforscht mit „Lulu“, „Nachtasyl“ und „Hermes in der Stadt“ (als Kooperation mit der Dessauer Bauhausbühne) soziale Welten.

Die Anhaltische Philharmonie wird unter ihrem künftigen GMD Antony Hermus in der kommenden Spielzeit acht Sinfoniekonzerte, acht Sonderkonzerte und sechs Kammerkonzerte geben. Der Konzertplan widmet sich neben dem klassischen Konzertrepertoire verstärkt der klassischen Moderne. Die Konzertpädagogik wird intensiviert und auch auf die Erwachsenenbildung übertragen. Beim ersten Sinfoniekonzert werden 280 Sängerinnen und Sänger aus der Dessauer Region gemeinsam Antonin Dvoraks „Te Deum“ singen. Ein Novum ist das Scratch Konzert (15.5. 2010), bei dem an einem Tag mit interessierten sangesfreudigen Dessauern Carl Orffs „Carmina Burana“ einstudiert wird. In Dessau wird es neben dem großen Eröffnungskonzert zwei weitere Konzerte des landesweit ausgetragenen „Impuls“-Musikfestivals geben.

Als Teil der Theaterarbeit in Dessau werden die Kooperationen mit dem Bauhaus, dem Gartenreich Dessau-Wörlitz sowie dem Kurt Weill Fest intensiviert.

Parallel mit der Vorstellung der neuen Spielzeit startet eine Internetseite, die in den kommenden Wochen und Monaten weitere Informationen zur 215. Spielzeit bereithält: www.lockbuch-dessau.de

Die Antennen des Bösen

Mannheimer Morgen, 16. April 2009
von Alfred Huber

Mannheim. Zwar ist die Lage eindeutig, aber dennoch kompliziert. Schließlich hat Claudia Starik, jung, sexy, hochbegabt, einen kommunistischen Großvater namens Konstantin, der seine politischen Ideale und Ziele partout nicht aufgeben will. Dass er deshalb mit dem desolaten Zustand der Welt wenig einverstanden ist, versteht sich beinahe von selbst. Doch im Unterschied zu den meisten Menschen glaubt er die Ursache der Misere zu kennen. Sie heißt "HAARP", befindet sich in Alaska und ist ein als zivile Forschungsstation getarntes militärisches Geheimprojekt der Amerikaner. Seine Riesenantennen, so vermutet Opa Konstantin, manipulieren das Bewusstsein der Irdischen. Also lädt er seine Enkelin Claudia zu einer Reise in den hohen Norden ein. Nicht ohne Hintergedanken: Gemeinsam mit ihr will er die "Bewusstseinsmaschine" sabotieren. "Waffenwetter" heißt ein Roman von Dietmar Dath, den André Bücker und Ingoh Brux für das Schauspiel des Mannheimer Nationaltheaters bearbeitet haben. Entstanden ist als Bühnenfassung ein Drei-Personenstück, dessen Mischung aus Science Fiction und Polit-Thriller nicht nur die Ideen des Sozialismus neu verhandelt, sondern auch die technische Reproduzierbarkeit des Bösen thematisiert. Und dass sich hinter Opa Konstantin ein moderner König Lear verbirgt, der sein politisches Erbe, ein Reich des Wissens, erhalten möchte und dabei den Wahnsinn streift, erhöht zusätzlich den Reiz dieser literarischen Vorlage, die Regisseur André Bücker, der vor zwei Jahren in Mannheim Dürrenmatts "Physiker" inszenierte, als "höchst vielschichtig" bezeichnet. Jedenfalls sind die Menschen aus der Sicht Dietmar Daths offenbar besser als ihr Ruf. Denn ihre schlechten Gedanken beziehen sie unbewusst von "HAARP". Eine Art "Gehirnwäsche", wie Bücker sagt, die den geistigen und humanen Fortschritt auf der Welt verhindert. Kein Wunder, dass er Daths Text ein "Abenteuer" nennt. Es könne beim Publikum eine Vielfalt von Vorstellungen und Empfindungen auslösen, verlange aber auch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit.

André Bücker zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten eingeladen.

Der designierte Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau wurde von Bundespräsident Horst Köhler zum Neujahrsempfang 2009 am 13. Januar nach Schloss Bellevue eingeladen. Begründung: „Der ehemalige Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters Halberstadt/Quedlinburg hat sich nach dem Überfall rechter Schläger auf eine Gruppe Schauspieler seines Theaters 2007 aufopferungsvoll um die medizinische und psychologische Betreuung der Opfer bemüht und sich ehrenamtlich dafür eingesetzt, dass die Tat zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Diskussion wurde. Daraus entstand eine konzertierte Aktion von engagierten Bürgern, der Stadtverwaltung, den Kirchen und Künstlern, die unter dem Titel „ Auf die Plätze“ ihr Nein zu Neonazis und Gewalt deutlich machten.“

Liebe, Macht und Wahnsinn

Volksstimme Magdeburg, 27.11.2008
Von Herbert Henning

Als erstes Theater Sachsen-Anhalts ehrt das Nordharzer Städtebundtheater mit der Premiere der Oper "Orlando" den Komponisten Georg Friedrich Händel anlässlich seines 250. Todestages im nächsten Jahr. Mit der Inszenierung dieser Barockoper unter Mitwirkung der Continuogruppe der "Lautten Compagney Berlin" verabschiedet sich der Intendant André Bücker als Regisseur von seinem Publikum.
Halberstadt. Wenn Johannes Rieger über die Musik Händels und seine Opern spricht, merkt man seine Begeisterung für das Werk des in Halle geborenen Komponisten. Werke von Händel – Opern, Oratorien und Konzerte – spielen im Oevre des Musikdirektors und künftigen Intendanten des Nordharzer Städtebundtheaters immer wieder eine Rolle.
Die Inszenierung der Oper "Orlando", 1733 in London uraufgeführt, setzt eine mit "Julius Cäsar" und "Otto und Theophano" vor fünf Jahren begonnene Reihe fort, und Johannes Rieger vertraut auf das Publikum, darauf, dass auch diesmal das Interesse und die Begeisterung für die Barockoper groß sein werden.
"Wir waren damals sehr überrascht, dass die Händel-Oper einen so starken Publikumszuspruch hatte und wir glauben, dass dies vor allem auch in der Dramatik seiner Opern, den Möglichkeiten für szenische Efindungen und Spiele begründet ist", sagt Johannes Rieger im Volksstimme-Gespräch und fügt hinzu, dass es für die "Orlando" - Inszenierung wiederum ein großer Glücksfall ist, dass die Continuogruppe der "Lautten Compagney Berlin" auf historischen Instrumenten gemeinsam mit dem Orchester spielen wird.
Diese musikalische Kooperation ist deutschlandweit einmalig und wird auch bei "Orlando" eine weitestgehend authentische Interpretation garantieren. Johannes Rieger schwärmt regelrecht von der Zusammenarbeit beider Klangkörper. "Meine Musiker im Orchester sind dadurch hoch motiviert, musizieren mit Begeisterung und man spürt, wie sie über sich selbst hinauswachsen."
Dass nach "Otto und Theophanu" die Wahl auf die selten gespielte Oper "Orlando" fiel, kommt nicht von ungefähr. "Wir haben wie damals einen starken regionalen Bezug. Ritter Roland, der den Rolands guren auch in Halberstadt und Quedlinburg seinen Namen gab, wurde erstmals im ,Rolandslied‘ besungen. Seine Abenteuer sind zur Legende geworden. Nach Episoden aus dem Epos ,Orlando furioso‘ von Ludovico Aristo hat Händel diese wunderbare Zauber-Oper über Liebe, Macht und Wahnsinn geschaffen – eine Oper voller sinnlicher Dramatik und wunderschöner Arien und Ensembles, die Händel als einen großen Musikdramatiker ausweisen", erläutert Andrè Bücker die Entscheidung für diese Oper als Beitrag zum Händel-Jahr 2009.
Für den scheidenden Intendanten und Regisseur ist es die 25. Inszenierung in den vergangenen neun Jahren an diesem Theater und in der Zusammenarbeit mit dem Orchester, MD Johannes Rieger und dem Solistenensemble ein abschließender Höhepunkt.
"… sehr spannend und theatralisch"
"Es ist ein die Proben sehr positiv beein ussendes Vertrautsein, ein Sich-aufeinander-verlassen-Können und der unbedingte Wille, das Beste zu geben, der uns immer wieder anspornt", charakterisiert Bücker die Atmosphäre bei der Probenarbeit. Dass auch in dieser Inszenierung als Gast der Altus Steve Wächter, der als Otto bereits Furore machte, den Orlando singt, bezeichnen Johannes Rieger und André Bücker übereinstimmend als einen Glücksfall.
Die Besetzung aller anderen musikalisch höchst anspruchsvollen Rollen mit Sängerinnen und Sängern des eigenen Ensembles, zeigt ihr Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Ensembles. Die Bachpreisträgerin 2008 Friderike Marie Schöder singt die Königin Angelica, Gerlind Schröder den Prinzen Medoro, Kerstin Pettersson die Dorinda und Juha Koskela und Gijs Nikamp den Zauberer Zoroastro.
Auf die szenische Umsetzung angesprochen, gibt sich der Regisseur eher zurückhaltend. "Wir werden auf eine ganz besondere Art und Weise den Wahnsinn des Orlando erlebbar machen und auch, dass in diesem Liebeswahn ein Sinn ist. Filmische Mittel, Licht und die Verwandlung des von Imme Kachel entworfenen Bühnenraumes werden genutzt, um die Gefühlswelt der schicksalhaft miteinander verbundenen Menschen zusätzlich zu den Rezitativen und den Arien auf einer anderen Erzählebene zu zeigen", verrät André Bücker. Dass Händel "sehr spannend und ungemein theatralisch sein kann" - daran ließ das Gespräch mit Johannes Rieger und André Bücker vor der Premiere am 29. November um 19.30 Uhr im Großen Haus Halberstadt keinen Zweifel.

Antony Hermus neuer Generalmusikdirektor in Dessau (14.11.2008)

ZDF Theaterkanal, 14.11.2008
Mit Beginn der Spielzeit 2009/2010 wird Antony Hermus neuer Generalmusikdirektor des Anhaltischen Theaters Dessau. André Bücker, designierter Generalintendant, stellte den Dirigenten vergangenen Freitag in Dessau vor.
André Bücker: „Mit Antony Hermus gewinnt das Musiktheater und die Anhaltische Philharmonie einen jungen, hochbegabten und bereits leitungserfahrenen Chefdirigenten. Sein Engagement geht weit über das Musikalische hinaus. Der gebürtige Niederländer bringt alle Voraussetzungen mit, um mit seiner künstlerischen Kompetenz und seinem Enthusiasmus maßgeblich den Neubeginn am Anhaltischen Theater mit zu gestalten.“
Antony Hermus wurde 1973 in den Niederlanden geboren und studierte an der Musikhochschule in Tilburg Klavier und Dirigieren. Er war von 2003 bis 2008 Generalmusikdirektor des Philharmonischen Orchesters Hagen und des Theater Hagen. Hermus kam 1998 an das Hagener Theater und arbeitete sich dort in nicht einmal fünf Jahren über Stationen als Studienleiter (1999–2001) und 1. Kapellmeister (2001–2003) zum Generalmusikdirektor hoch.
In Hagen war Hermus verantwortlich für zahlreiche Uraufführungen und Wiederentdeckungen. Neben seiner intensiven Tätigkeit in Konzert und Oper nahmen auch konzert- und theaterpädagogische Projekte einen wichtigen Raum ein. Bei der Umfrage unter Musikkritikern Nordrhein-Westfalens wurde Antony Hermus in den letzten beiden Spielzeiten vielfach als bester Dirigent nominiert. Im November 2005 erschien eine von der Fachpresse hochgelobte CD mit dem Philharmonischen Orchester Hagen, das unter Hermus’ Leitung Werke von Hans Rott und Gustav Mahler (1. Sinfonie) einspielte. Im Oktober 2007 erschien eine ebenfalls von der Presse hoch bewertete CD mit einer sinfonischen Fassung von Richard Wagners „Tristan und Isolde“.
Bei vielen Orchestern im In- und Ausland ist Antony Hermus ein gern gesehener Gast. In den vergangenen Jahren stand er u.a. am Pult der Bochumer Symphoniker, der Philharmonischen Orchester in Duisburg, Magdeburg, Freiburg, Oldenburg und Rostock, sowie des RTE National Symphony Orchestra of Ireland und das Orchestre de Bretagne; in seiner Heimat dirigierte er u.a. Het Gelders Orkest sowie Het Brabants Orkest. Im August diesen Jahres gab Antony sein erfolgreiches Asien-Debut, wo er bei Vorstellungen des tawainesischen Nationalballetts das Taipei Symphony Orchestra und das Chimei Philharmonic Orchestra dirigierte. Diese Spielzeit leitet er neben zahlreichen Konzerte auch Opern-Neuproduktionen bei der Opera Zuid (Maastricht), Opera National de Paris, und der Opera de Rennes. Außerdem wird Antony Hermus in Februar 2010 sein Konzertdebut beim Orchestre de L'Opéra National de Paris im Pariser Palais Garnier geben.
Antony Hermus: „Dessau hat eine große und reiche musikalische Tradition. Es ist schön für mich, Teil davon werden zu dürfen und ich freue mich auf eine interessante und spannende Zeit!“

Weichen stellen und Linien finden (11.11.2008)

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 11.11.08
Kornhausdialog: Dessaus künftiger Intendant André Bücker erzählt von seinen Plänen für Theater
von ILKA HILLGER

DESSAU/MZ. Nun wollten sie mal selber sehen, wie er so ist, der Neue. In der Zeitung las man einiges über ihn, mancher traf ihn auf Veranstaltungen, andere hatten nur von ihm gehört. Jetzt saß er also im Saal des Restaurants "Kornhaus", wo am Sonntagvormittag beim "Kornhausdialog" ein Besucherrekord verzeichnet wurde. Knapp 150 Leute waren gekommen, um sich ein Bild von Dessaus designiertem Theaterintendanten André Bücker zu machen. Eingeladen hatte zu dieser Gesprächsrunde der Freundeskreis des Anhaltischen Theaters, dessen Vorsitzender Oliver Thust moderierte. Knapp war die Vorstellung des künftigen Generalintendanten, der noch bis Jahresende als Intendant dem Nordharzer Städtebundtheater vorsteht, seine Amtsgeschäfte jedoch schon seinem Nachfolger übergeben hat. Derzeit probt Bücker im Harz Georg Friedrich Händels Oper "Orlando", die am 29. November Premiere hat. Noch einmal Händel, diesmal "Serse", inszeniert er 2009 für die Händel-Festspiele im Goethetheater Bad Lauchstädt; am Nationaltheater Mannheim wird er zudem als Gastregisseur in dieser Spielzeit arbeiten. Der Mann hat also viel zu tun. Sein Hauptaugenmerk gilt aber schon jetzt - nicht mehr ganz ein Jahr vor seinem Amtsantritt - der neuen Wirkungsstätte in Dessau. "Alle wichtigen Weichenstellungen passieren derzeit", erklärte André Bücker am Sonntagvormittag seinen Zuhörern. In den vergangenen Wochen hat er sein Leitungsteam zusammengestellt, eine Gruppe die "menschlich und künstlerisch zusammenpasst". Nun fährt er vor allem Auto, ist kreuz und quer im Land unterwegs, besucht Vorsingen, Gesangswettbewerbe, Premieren, Vorstellungen und ist bei all dem auf der Suche nach Sängern und Schauspielern für das Dessauer Ensemble. "Ich führe unendlich viele Gespräche, und es ist fantastisch, auf diese Weise so viele Künstler kennen zu lernen." Es wird also neue Gesichter auf und hinter der Bühne geben, was Moderator Oliver Thust um Details bitten ließ. Den neuen Ballettchef Tomasz Kajdanski nannte André Bücher ein "Naturereignis". "Er paart klassisches Ballett und modernes Tanztheater und hat den Willen, Geschichten zu erzählen." Chefregisseurin Andrea Moses stehe für "inhaltlich und handwerklich genaue Arbeit an den Figuren". Hinter den Kulissen komplettieren Heribert Germeshausen als leitender Dramaturg und Maria Linke in der Dramaturgie das Team. Noch vage waren André Bückers Aussagen zum ersten Spielplan unter seiner Leitung, der natürlich erst den Theaterausschuss passieren muss, bevor er öffentlich wird. Einen Vorgriff - "die Stadträte mögen mir das verzeihen" - gab es dann aber doch bezüglich des Eröffnungswochenendes Anfang Oktober 2009. Den "Dreiklang Wagner, Lessing, Schleef" nannte Bücker diese Premieren: eine Uraufführung eines Stückes von Einar Schleef in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin, Lessings "Nathan der Weise" und Wagners "Lohengrin". Drei Stücke, die zugleich programmatisch für die gesamte Spielzeit stehen, in der deutsche Autoren - neben einer großen französischen und einer Verdi-Oper - dominieren werden. "Ich bin gespannt, welche Linien wir finden, die die Sparten miteinander verbinden", sagte Bücker, der das Haus "stärker aus einem Guss" präsentieren und eben inhaltliche Fäden spartenübergreifend knüpfen will. Dass er dabei Bewährtes nicht außer Acht lassen will, brachte ihm Applaus ein. Der Tradition als Wagner- Bühne und als Aufführungsort für Verdis Werk sehe er sich verpflichtet. Noch öfter begleiteten Beifall oder Nicken an den Tischen die Aussagen des Gesprächsgastes. So für seine Erklärung des Prinzips Stadttheater, das nur funktioniert "wenn man in der Stadt lebt, wenn man weiß, was die Menschen hier bewegt". André Bücker hat ein ehrliches Interesse an diesen Dingen und unterstrich dies mit seinen Vorhaben, die weit über die Arbeit eines Theaters hinausgehen: Er erwähnte das 89er-Projekt zum Wendejubiläum (die MZ berichtete) ebenso wie "Luther / Schach", das das Theater in der Region verankern soll. Vieles, was den Dessauer Theatergängern in den letzten Jahren ans Herz gewachsen ist, wird es auch unter André Bücker geben. Gesprächsreihen vor und nach Premieren, theaterpädagogische Angebote, die Zusammenarbeit mit der Kirche oder anderen kulturellen Einrichtungen der Stadt. Was gut ist, soll nicht verschwinden, kann aber immer noch intensiviert oder ausgeweitet werden. "Ein Neuanfang ist immer eine kreative Explosion", sagte Dessaus künftiger Intendant. Wie diese zündet, darauf sind die Zuhörer nun mehrheitlich gespannt

Theater startet Spurensuche in der Dessauer Geschichte (10.11.2008)

Mitteldeutsche Zeitung Halle, 10.11.2008
Mit «89jetzt!» will der kommende Intendant André Bücker an das Wende-Jahr erinnern
von Andreas Hillger

DESSAU/MZ. Gibt es da noch Erinnerungen? An die Demonstrationen auf dem Dessauer Rathausplatz und die Sitzungen des Neuen Forums unter dem Dach des Hotels "Stadt Dessau"? An die Gottesdienste in der Johanniskirche und die Vernichtung der Kampfgruppenwaffen? Der Herbst des Jahres 1989 zählt fraglos zu jenen Zeitläufen, die dem kollektiven Gedächtnis wie der privaten Erinnerung unvergesslich eingeschrieben sind - und die doch allmählich von Verklärung oder Frustration überlagert werden. Deshalb will der Regisseur André Bücker seine Generalintendanz am Anhaltischen Theater in Dessau im kommenden Jahr mit einem Projekt eröffnen, das unter dem Titel "89jetzt! - Eine Spurensuche" Dessauer Geschichte in Geschichten erlebbar macht. Erfahrungen mit solchen Recherchen hat Bücker bereits als Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters sammeln können. Unter dem bei Hölderlin entlehnten Titel "Dem Gleich fehlt die Trauer" fragte Bücker dort am 8. April 2005 nach jenen Bildern, die sich bei der Zerstörung von Halberstadt 1945 in das Gedächtnis der Überlebenden eingebrannt hatten. Das Ergebnis der Arbeit, die zudem auf einen Text aus Alexander Kluges "Chronik der Gefühle" Bezug nahm, war ebenso anrührend wie aufrüttelnd. Wie damals soll auch diesmal ein Dialog der Generationen gestiftet werden: Dessauer Schüler sollen Eltern und Großeltern nach ihrer Rolle in den Wendetagen befragen. Die Protokolle dieser Gespräche sollen zum 20. Jahrestag des Mauerfalls an den neuralgischen Orten der Stadt gelesen werden. Perspektivisch ist daran gedacht, die Texte im Internet oder als Buch zu publizieren, um sie dauerhaft verfügbar zu machen. Bei ersten Kontakten mit Dessauern spürte Bücker bereits das spontane Bedürfnis, über den Herbst 1989 zu reden - und dabei sowohl von großen Träumen als auch von enttäuschten Hoffnungen zu sprechen. Als Ergebnis verspricht er sich "ein Kaleidoskop gegensätzlicher Erfahrungen - von der gewonnenen Freiheit bis zu den gefühlten Verlusten". Bücker will ein "Netz der Geschichten" über die Stadt legen, das von der Euphorie des Augenblicks wie von der späteren Depression im Angesicht hoher Arbeitslosigkeit und sozialer Unsicherheit erzählt. Um die öffentliche Wirksamkeit dieser lokalen Selbstverständigung zu erhöhen, will er für "89jetzt!" auch andere Partner aus der lokalen Kulturszene gewinnen - etwa die Dessauer Museen und Bibliotheken. Um die interne Einbindung im Anhaltischen Theater muss sich der künftige Hausherr im übrigen keine Sorgen machen: Seine erste Spielzeit wird sich dezidiert mit Themen wie Aufbruch und Aufklärung auseinander setzen und dabei vor allem deutsche Stoffe in den Blick nehmen. "Wir wollen", sagt Bücker, "Linien der Geschichte auf der Bühne verhandeln. Nicht als folkloristisches Heimattheater, sondern als Positionsbestimmung für die Zukunft." Dabei soll es weder um ein nostalgisches "Früher war alles besser" noch um ein verklärendes "Heute ist alles gut" gehen, sondern um die Frage, was sich aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen lässt. Dass das Publikum dabei seine Mündigkeit entdecken kann, indem es die eigenen Geschichten als Material für eine künstlerische Auseinandersetzung zur Verfügung stellt, ist ein zumindest für Dessau innovatives Prinzip - eine Einladung, die auch das Verhältnis des Theaters zu seiner Stadt neu definieren dürfte. "Wir bitten die Dessauer um ihre Erinnerungen, damit wir sie in Szene setzen können", so der Intendant.

MZ im Gespräch (25.10.07) «Wir werden für Erfolg bestraft»

Intendanten Tobias Wellemyer und André Bücker: Kürzung bedroht Theatersubstanz

Magdeburg/MZ. Das sachsen-anhaltische Kultusministerium hat kurz vor dem Beginn der Verhandlungen über die Verlängerung der Theater- und Orchesterverträge bekannt gegeben, dass die Landeszuwendungen künftig um insgesamt drei Millionen Euro gesenkt werden sollen. Über die Konsequenzen sprach die Mitteldeutsche Zeitung mit den Intendanten des Theaters Magdeburg und des Nordharzer Städtebundtheaters, Tobias Wellemeyer und André Bücker. Die Fragen stellten die Redakteure Andreas Montag und Andreas Hillger.

Herr Bücker, Herr Wellemeyer, unlängst haben Sie nach dem rechtsradikalen Überfall auf Halberstädter Schauspieler die Theater-Initiative "Republik der Phantasie" gegründet. Wie fühlt man sich, wenn nun vor allem Spar-Phantasien gefordert sind?

Wellemeyer: Was die Politik von den Theatern will, ist derzeit nicht erkennbar. Nach Jahren der strukturellen Ausdünnung stehen alle Häuser in Sachsen-Anhalt wieder vor einer diffusen Sparerwartung des Landes, die sich auf mindestens drei Millionen Euro beläuft. Dabei haben wir in der Vergangenheit bewiesen, dass wir die Konsolidierung mittragen - durch Haustarifverträge, Fusionen und Stellenabbau. Nach der Dessauer Theaterkonferenz, bei der man noch im Mai nicht über Geld reden wollte, ist nun ein Punkt eingetreten, wo ich mich in meinem Stolz und meiner Glaubwürdigkeit verletzt fühle.

Bücker: Was wir vermissen, ist eine Gestaltungsphantasie. Welche Zukunftsideen, welches Förderkonzept hat das Land? Es gibt nur die Zahl, die wir aus der Presse erfahren haben - nach der Konferenz, die Auftakt für Vertragsverhandlungen sein sollte. Das schürt den Verdacht, dass da eine Image-Maßnahme inszeniert worden ist.

Bei der Zahl von drei Millionen wird es nicht bleiben ...

Bücker: ... weil Kommunen und Kreise aufgrund der paritätischen Förderung geradezu aufgefordert sind, ebenfalls zu kürzen - oder das Defizit auszugleichen, was angesichts der Finanzsituation illusorisch ist. Durch diese Zwangslage wird die Vorgabe zynisch, weil sie den Rechtsträgern abermals den Schwarzen Peter zuspielt.

Wellemeyer: Immerhin hat sich der Magdeburger Oberbürgermeister öffentlich dazu bekannt, den derzeitigen Förderstatus aufrecht zu erhalten. Das ist bemerkenswert - auch wenn man wissen muss, dass tarifpolitische Entwicklungen und Teuerungen de facto dafür sorgen, dass eine gleich bleibende Summe zunehmend weniger Spielraum lässt. Eigentlich brauchen wir nicht nur die Zurücknahme der Kürzung, sondern eine Erhöhung um drei Millionen.

Fehlt Ihnen "höhere Einsicht" in die "Denkkultur" des Sparens, wie sie der Kultusminister fordert?

Wellemeyer: Vom Kultusministerium wünsche ich mir die heftigste Leidenschaft für Kunst und Kultur und weniger höhere Einsicht für Sparmaßnahmen. Die erwarte ich eher vom Finanzminister - so ist die Rollenverteilung.

Bücker: Aber es geht doch gar nicht um Kunst. Es wird mit keinem Wort gewürdigt, was die Bühnen überregional und international leisten. Das Magdeburger Theater war für den Deutschen Theaterpreis nominiert, die Oper Halle hat den Bayerischen Theaterpreis gewonnen, das Neue Theater Halle war zum Theatertreffen eingeladen. Das Nordharzer Städtebundtheater hat Inszenierungen mit der Kurt Weill Foundation New York und mit der Ständigen Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik realisiert. Dessau, Eisleben und Stendal spielen regelmäßig jenseits der Landesgrenzen . das sind doch großartige Beiträge zur Außenwirkung unseres Landes. Und zwar nicht nur für ein Haushaltsjahr, sondern für größere Zeiträume.

Magdeburg gilt als gutes Beispiel, weil hier mit weniger Geld mehr Zuschauer erreicht worden ist.

Wellemeyer: Das ist eine unsinnige Analogie, die den enormen finanziellen Verzicht der Mitarbeiter ignoriert. Die Selbstausbeutung kann man doch nicht zum Ideal erheben - zumal die Konsequenz dieser populistischen Rechnung wäre, dass eine generelle Streichung als beste Theaterfinanzierung maximalen Publikumserfolg brächte.

Bücker: Wir halten im Nordharz ein Dreispartenhaus mit zirka sieben Millionen Euro Zuwendung aufrecht - das ist bundesweit absoluter Tiefstand. Nur dank dieser Anstrengungen gibt es uns überhaupt noch. Und nun werden wir für Erfolg bestraft. Ich bin es leid, langjährigen Mitarbeitern zu erklären, warum ich ihnen nicht das zahlen kann, was ihnen zusteht.

Was muss also passieren?

Bücker: Wir werden auf die Landtagsabgeordneten zugehen, mit der SPD-Fraktion hat es bereits ein Gespräch gegeben. Falls die Summe dennoch prozentual durchgereicht wird, sind die Bühnen in Eisleben, Halberstadt-Quedlinburg und Stendal definitiv zu.

Wellemeyer: An den verbleibenden Standorten würden mindestens die Haustarifverträge in Frage gestellt. Die Zahl von drei Millionen muss also sofort zurückgenommen werden, sonst entsteht ein Desaster - auch vor dem Hintergrund, dass die Summe aus juristischen Gründen im geplanten Zeitraum gar nicht abgebaut werden kann. Eine Entsolidarisierung der Bühnen aber wird es nicht geben.

Welches Argument geben Sie den Abgeordneten in die Debatte mit?

Bücker: Sie müssen bedenken, dass Substanzverlust droht - bis hin zur Jugendarbeit und zu den Musikschulen, an denen Orchestermitglieder unterrichten. Da soll niemand mehr über Bevölkerungs-Perspektiven klagen - denn damit wird sehenden Auges eine demografische Katastrophe herbeigeführt. Deshalb müssen wir darüber reden, in was für einem Land wir leben wollen - und welche Rolle unsere Theater darin spielen.

Wellemeyer: Was die Bühnen leisten, hat man in Halberstadt jüngst bei "Auf die Plätze!" gesehen. Da wurde auf einem Podium auch über Kultur als Voraussetzung der Zivilgesellschaft diskutiert - nur über das Theater, das die demokratische Aktion gegen Rechtsradikalismus organisiert hatte, sprach niemand. Theater ist offenbar so selbstverständlich wie Strom aus der Steckdose - und für eine zivilisierte Gesellschaft ebenso unverzichtbar.

ZDF Theaterkanal (9/2007) - Interview mit André Bücker VIDEO

Die Deutsche Bühne (8/2006) Auf Kante genäht

In seiner ersten Spielzeit als Intendant am Nordharzer Städtebundtheater musste André Bücker mit einem drastisch reduzierten Etat das Theater künstlerisch auf Kurs halten.

von Ute Grundmann
Der Jägerzaun ist leuchtend rosa. Er umschließt ein Touristencafé, in dem die Menge schon mal kreischt, als sei Tokio Hotel im Anmarsch. Rechts und links vom rosa Zaun weisen Schilder zum Wirtshaus und zum Schloss. Mit diesem schön-schrägen Bühnenbild (Alrune Sera) für Lortzings „Wildschütz“ ist klar, wohin im Nordharzer Städtebundtheater die Inszenierungsreise geht: In Richtung Trash und TV-Soap. Intendant André Bücker geht in seiner ersten Opernregie diesen Weg konsequent und gekonnt. Die Baronin (Bettina Pierag), eine strahlend-lustige Witwe, kommt auf dem rosa Motorroller daher; ihre Zofe (Thea Rein) stellt Männerklischees aus und deutlich von Frauen-auf Männersprache um. Gefühle lösen bei den Herren Hüftwackeln aus und der Baron Kronthal (Xiaotong Han) schmettert seine Arie wie ein Popstar. Da sitzt jede Geste und jeder Gag, das verworrene Stück wird auf die Schippe genommen, aber nicht beschädigt. Und die Beziehungen der Figuren sind genau beobachtet und gearbeitet: Baculus ist der ewig-geprügelte Hund im zu engen Anzug, ein bebrillter Spießer mit ruhiger, trockener Komik, den die Aussicht auf 5000 Taler wie besoffen vom erhofften Geldsegen macht, von Klaus-Uwe Rein so volltönend wie selbstironisch gesungen. Und das Gretchen von Isabell Fricke kommt mit schönem Sopran, kokett und augenzwinkernd daher, versucht ihrem Bräutigam Rock’n’Roll beizubringen; man zickt und zankt auch am Rande des Geschehens. Das Orchester unter Torsten Petzold unterstützt das Ganze mit präzisen und spritzigen Klängen.

Die erste Opernregie im ersten Jahr als Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters: Der junge André Bücker legt gleich richtig los. Er hat alles zweimal: Zwei Häuser (Halberstadt und Quedlinburg), zwei Stadträte, zweimal Kulturpolitiker – nur leider keine zwei Etats. Und so ist seine erste Spielzeit hier auch die erste mit deutlich reduzierten Strukturen. 25 Prozent weniger als noch vor zwei Jahren hat man zur Verfügung. Statt 40 wurden „nur“ 35 gestrichen, weil das Orchester zusätzlich zum Haustarifvertrag auf zehn Prozent der Gage verzichtet. So rettete man wenigstens fünf von zehn gefährdeten Stellen. „Kein Haus hat in so kurzer Zeit so viel Geld einsparen müssen“, betont Bücker. 182 Mitarbeiter hat das Theater – und ist damit einer der größten Arbeitgeber in der Gegend. Dass bei 20 Prozent Arbeitslosigkeit das Thema auch auf die Bühne muss, ist für André Bücker völlig klar. Dabei wird es nicht nur begleitende Veranstaltungen zu Aufführungen geben. Den „Fallmanagern“ des örtlichen Arbeitsamtes werden Freikarten zur Verfügung gestellt, um sie gezielt an Arbeitslose weiterzugeben. Man will keine „Ramschaktion“, sondern Menschen, die aus Geldmangel von der Kultur abgeschnitten sind, wieder Zugang verschaffen.

„Wir sind hier das kulturelle Zentrum“, sagt André Bücker, „wir haben in der kulturellen und ästhetischen Bildung eine wichtige Funktion“. Und so gibt es eine Erwachsenen-Theater-Gruppe, Fortbildungen für Lehrer, eine Premierenklasse (die Inszenierungen begleitet), und eine Kooperation mit dem Gymnasium, um Theater einen Platz im Lehrplan zu verschaffen. Dabei kann der Intendant sich über sein Publikum nicht beklagen: „Dem kann man einiges zumuten. Kay Metzger hat hier Theater auf hohem Niveau etabliert, das muss man erst mal halten und dann weiterentwickeln. Und die Zuschauer gehen mit, wenn handwerklich-inhaltlich legitimiert ist, was auf der Bühne passiert.“ Nur gebe es noch zu viele Menschen, die zwar stolz auf das Theater seien, aber nicht oft genug hingingen. Das will man („wir sind die Platzhirsche, das müssen wir auch besetzen“) durch Präsenz ändern; die drei Sparten seien dabei „lebenserhaltend“. Denn André Bücker, der das Theater aus seiner Zeit als freier Regisseur mit zehn Inszenierungen kennt, ist überzeugt: „Das funktioniert nur so. Jede Stadt hat ihre Tradition, Quedlinburg im Schauspiel, Halberstadt im Musiktheater. Fällt eine Sparte weg, gibt es die Gefahr, dass eine Stadt aussteigt.“

500 Veranstaltungen bietet das Städtebundtheater im Jahr, davon die Hälfte auswärts. Eine Sommerpause gibt es nicht, stattdessen sieben Premieren und zwei Galas, im Bergtheater Thale, im Wasserschloss Westerburg, auf dem Quedlinburger Schlossberg, im Petershof in Halberstadt. Ein besonderes Projekt war Kurt Weills „Weg der Verheißung“ im Halberstädter Dom. Bückers Konzept für den ersten Teil überzeugte die kritische Weill-Foundation, so dass sie die Inszenierung nicht nur erlaubte, sondern auch mitfinanzierte. Und der Ort, an dem das Theater „mit allem, was wir zu bieten haben“ die Produktion stemmte, war ein besonderer: Vor den Türen des Doms wurden 1942 die Juden der Stadt zur Deportation zusammengetrieben. Solche Verbindungen zur Stadtgeschichte sind Bücker wichtig, auch bei seinem Projekt der Zeitzeugen-Lesungen an kriegszerstörten Orten Halberstadts.

Aber natürlich gibt es auch das „normale“ Repertoire. „Emilia Galotti“, der Schulklassiker, wurde in Bückers Regie zur am besten besuchten Schauspiel-Inszenierung der letzten Jahre. Und auch „Fräulein Julie“ in der Fassung und Inszenierung von Peter Lüder wurde gut angenommen. Christopher Melching schuf einen schönen Bühnenraum: rechts eine nüchterne Küche, links ein Stück Natur mit Baum und Wiese. Hier prallen Strindbergs Figuren wie mit Naturgewalt aufeinander, es gibt kein Rechts und Links für die Julie und Jean, nur das stürmische Geradeaus. Haye Grafs Jean ist ein bisschen ein Strizzi-Typ mit Anmach-Gesten, Julie (Margit Hallmann) ein aufgeregtes junges Mädchen auch mit Lust an der Unterwerfung. Kristin (Katrin Künstler) schließlich, streng und in Schwarz, lässt ihre Gefühle an ihrer Umgebung ab, schrubbt den Tisch, als wäre er schuld. Ausgeklammert ist allerdings die Figur des Grafen, dessen Stiefel dem Diener schon Angst machen und vor dem Julie den Aufstand probt. Peter Lüder konzentriert die Inszenierung auf die Liebesgeschichte zwischen Aggression und Gefühl.

All das schafft das Städtebundtheater mit deutlich reduziertem Ensemble; doch auch mit nur noch acht Schauspielern soll es im nächsten Jahr den „Faust“ geben: „Bei guter Planung sieht man das nicht“, ist Bücker überzeugt. Aber er weiß auch, dass die „chronische Überlastung“ der Mitarbeiter nicht ewig dauern kann, „das kann man nicht durchhalten, die Leute gehen kaputt“. Und so sind die Aktivitäten des Nordharzer Städtebundtheaters auf Kante genäht, wie Finanzpolitiker so gerne sagen. Die Theaterleute zeigen jetzt, was sie können, auch um zu signalisieren, „das geht nicht mehr, wenn ihr nicht mehr Kohle gebt.“

Halberstädter Volksstimme (6.8.2005) „Wir sind doch keine Geisterbahn“

André Bücker, Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters, im Volksstimme-Gespräch:

André Bücker will als neuer Intendant mit anspruchsvollen Projekten um Zuschauer werben. Dabei denkt er auch an besondere Formen des Theaters, „die wehtun“. Freilich will er niemanden verschrecken. „Wir sind doch keine Geisterbahn“, sagt er zur Volksstimme. Jürgen Hengstmann sprach mit ihm.

Volksstimme: Ihr Nordharzer Publikum kennt Sie längst als erfolgreichen Regisseur. Nun sind Sie seit 100 Tagen auch Intendant des Theaters. Intendanten sind heute angesichts gravierender Mittelkürzungen oft mehr Manager, Politiker, Konkursverwalter als Künstler. Theaterleiter zu sein – haben Sie das nicht schon längst bereut?

André Bücker: Nein, überhaupt nicht. Ich empfinde das als sehr schöne und aufregende Aufgabe. Man kann auch mit einem finanziell gebeutelten Theater wie dem Nordharzer etwas gestalten, Theater machen für die Region, für die Menschen, die hier wohnen.

Volksstimme: Dennoch: Hängen Ihnen diese ständigen Geldprobleme, dieser ganze Finanzierungskram nicht wie ein Mühlstein am Hals?

Bücker: Nein. Theater ist für mich ein Gesamtkonzept, da gehört der Umgang mit dem Geld dazu. Heutzutage kann man Theater nicht mehr machen abgehoben von der finanziellen Gesamtsituation. Die Zeiten sind vorbei, wo es klar war, dass das Geld kommt und es egal war, ob das Publikum kommt. Es muss jedoch auch klar sein, das niveauvolles Theater nicht umsonst zu haben ist.

Volksstimme: Es klingt fast so, als würden Sie die Last des Mühlsteins als Lust empfinden...

Bücker (lacht): Es gib schon eine sportive Lust, mit den Zwängen umzugehen. Ich geh‘ da extrem optimistisch ran. Wenn ich hier durch das Haus liefe und Frust verbreitete, würden das so sensible Leute wie Schauspieler, Musiker und Sänger intensiv wahrnehmen. Ich will aber den Leuten vermitteln: Hier geht es weiter, hier geht es um Theater, um Kunst, darum was zu schaffen, sich zu behaupten, Qualität zu leisten. Das zu vermitteln, das empfinde ich als große Aufgabe, und die macht mir Spaß.

Volksstimme: Ihr Vorgänger im Intendantenamt, Kay Metzger, ist erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen mutiger künstlerischer Innovation und dem Zwang zu vollen Häusern gewandelt. Ist das auch Ihr Anspruch?

Bücker: Ja, das will ich fortsetzen. Ich möchte Theater machen mit hohem Anspruch, und ich möchte volle Häuser. Ich will, dass dieses Haus gut besucht wird. Theater braucht man nur dann, wenn es Leute gibt, die es auch sehen wollen. Mein Anspruch ist es aber auch, Dinge abseits des klassischen Repertoires zu wagen, mal ein neues Stück, neue Sichtweisen zu präsentieren. Ich denke zum Beispiel auch an Projekte, die Schauspiel und Musiktheater spartenübergreifend fordern. Ich rechne auch da mit einem Potential neuer Zuschauer. Theater muss sich erneuern, Theater ist Veränderung.

Volksstimme: Empfinden Sie bei der Lust an Veränderung auch ein gewisses Vergnügen, das Publikum aufzuschrecken?

Bücker: Wir sind doch keine Geisterbahn. Ich glaube an die Inhalte des Theaters, ich glaube aber auch an die besonderen Formen im Theater, die manchmal wehtun können. Theater darf auch unbequem sein. Aber Provokation um ihrer selbst willen – das interessiert mich nicht. Mich interessiert eine inhaltlich legitimierte Auseinandersetzung, und die darf dann auch hart sein, darf Leute auch verstören. Aber das ist nicht mein primäres Anliegen.

Volksstimme: Ihre erste Schauspielinszenierung als Intendant ist „Emilia Galotti“. Sind die toleranten Intentionen des großen Aufklärers und Humanisten Lessing in unserer Zeit des Terrors, des religiösen Fundamentalismus und der oberflächlichen „Spaßgesellschaft“ nicht doch nur noch eine sympathische, aber lebensfremde Utopie?

Bücker: Gerade wenn es nicht in die Zeit passt, dann ist es ja um so nötiger. Zeitgeist – das ist nicht etwas, was mich wirklich interessiert. Man muss dem ganzen Wahnsinn, der um uns herum tobt, eine Utopie, eine Vision gegenüber stellen – dafür ist das Theater sehr geeignet. Wir sind ein analoges Medium in Zeiten des digitalen Overkills. Wir leben in einer überbeschleunigten Welt. Darin kann das Theater eine Insel sein, ein Ort der Entschleunigung. Hier kann man mal wieder einer Sache zuhören, sich zurücknehmen, sich zu einem Text und seiner Interpretation verhalten, statt nur passiv zugeknallt zu werden mit Überinformation.

Volksstimme: Kann Theater wirklich die Gesellschaft verändern?

Bücker: Ich hoffe das ja immer noch. Theater ist politisch. Theater ist ein öffentlicher, also politischer Vorgang. So ist es seit der Antike. Ein einzelner Theaterabend kann die Welt nicht verändern. Aber ich glaube, dass Leute aus dem Theater rausgehen und was mitnehmen können. Es gibt Abende, die einen berühren, die einem etwas zeigen, im besten Fall etwas vorführen, worin man sich selbst erkennt. Was dann die Menschen daraus machen – das ist etwas anderes. Erkenntnis und Handeln liegen bekanntlich immer weit auseinander.

Volksstimme: Aber ist das Theater heute im öffentlichen politischen Diskurs noch so präsent wie vor zwanzig Jahren? Ist es heute nicht viel mehr Amüsement als produktives Ärgernis?

Bücker: Das wird vielleicht manchmal so wahrgenommen. Aber denken Sie doch mal an die „Weber“-Inszenierung in Dresden, eine ganz wichtige Aufführung. Da ging doch ein Aufschrei durch die Lande. Wissen Sie, woher das kommt? Das kommt daher, dass im Theater mit Akteuren und Publikum reale Menschen miteinander konfrontiert werden. Dann entsteht dieser lebendige Dialog, den kein Film und kein Fernsehen leisten kann. Dieser Dialog zwischen Zuschauerraum und Bühne, der ist so direkt: Zuschauer und Akteure reagieren aufeinander. So verändert sich eine Aufführung, so verändern sich aber auch die Zuschauer.